
Misston schreiet - und über die allgemeine plagende Heuchelei wofür er sogleich
alles nehmen musste - so verdrießlich und verstimmt, dass er leicht aufbrach und
dieses Schäferleben um den einzigen Wolf verkürzte, der darin schlich. Lüstlinge
halten es unter vielen edlen Frauen, gedrückt von deren vielseitigen scharfen
Beobachtungen, nie lange aus, obwohl leichter bei einer allein, weil sie diese
zu verstricken hoffen. Was ihm am wehesten tat, war, dass er sie alle für
Heuchlerinnen erklären musste. Er fand keine gute Weiber, weil er keine glaubte;
da man sie glauben muss, um sie da zu sehen, wo sie sind; so wie die Tugend üben,
um sie zu kennen, nicht umgekehrt.
    Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und Äther wegzuziehen.
Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol, der eben
angekommen, und ging auch - zu Juliennens Freude, die an ihr ein kleines
Hindernis ihres Bekehrungsplans für Linda fand, weil diese die Ministerin für
eine einseitige, enge, bängliche, unnachgiebige Natur ansah. Idoine bat die
beiden Jungfrauen, ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen. Sie gingen hinab ins
reine weite Dorf. Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefällige
Gesichter. Aus den fernen Zimmern des Schlosses hörte man bald Singen, bald
Blasen. Wie am Vogel sich das glänzende Gefieder schnell und glatt in- und
auseinanderschiebt: so bewegten um Idoine sich alle Geschäfte; ihre ökonomische
Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr, sondern eine spielende Bilderuhr,
welche hinter Töne die Stunden, hinter Bilder die Räder versteckt.
    In einem Wiesengarten spielten die jüngsten Kinder wild durcheinander.
Herrnhutische und holländische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten
hellen Putzbude gewaschen und gemalt. Neu und blank hing der Eimer über dem
Brunnen unter der Linden-Rotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt -
überall sah man reine, ganze, schöne Kleider und freudige Augen - und Idoine
zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken, womit sie
ihr Arkadien Blume nach Blume prüfte.
    Sie führte ihre Freundinnen über die verschiedenen Sonntags-Tanzplätze der
verschiedenen Alter, vor dem Hause des Amtmanns vorüber, worin die Ministerin
wohnte und jetzt, zu Juliennens Furcht, ihr Sohn war, in die helle schmucklose
Kirche. Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann, für welche das Vorübergehen ein
Wink gewesen, in die Kirche nach und holten von ihr Aufträge; beide waren junge
schöne Männer mit offener Stirn und ein wenig Jugendstolz. - Als man aus der
Kirche war, sagte sie: durch diese jungen Männer regiere sie über den Ort, und
sie selber lenke sie sanft; nur junge seien mit Hass und Mut gegen den
Schlendrian und mit Enthusiasmus und Glauben ausgerüstet. Sie setzte scherzhaft
dazu
