 völlig modern. Er unterhielt die Gesellschaft und schien sich für
alle lebhaft zu interessieren. Die Mädchen waren sehr beweglich um die
vornehmste Dame und schwatzten viel unter einander. »Ich habe doch noch mehr
Gemüt wie du, liebe Sittlichkeit!« sagte die eine; »aber ich heiße auch Seele
und zwar die schöne.« Die Sittlichkeit wurde etwas blass und die Tränen schienen
ihr nahe zu sein. »Ich war doch gestern so tugendhaft,« sagte sie, »und mache
immer größere Fortschritte in der Anstrengung. Ich habe genug an meinen eignen
Vorwürfen, warum muss ich noch welche von dir hören?« - Eine andre, die
Bescheidenheit, war neidisch auf die welche sich die schöne Seele nannte und
sprach: »Ich bin böse mit dir, du willst mich nur als Mittel brauchen.« - Die
Dezenz, da sie die arme öffentliche Meinung so hilflos auf dem Rücken liegen
sah, vergoss drittehalb Tränen und gebärdete sich dann auf eine interessante
Weise, das Auge zu trocknen, welches aber gar nicht mehr nass war. - »Wundre dich
nicht über diese Offenheit,« sagte der Witz; »sie ist weder gewöhnlich noch
willkürlich. Die allmächtige Fantasie hat diese wesenlosen Schatten mit ihrem
Zauberstabe berührt, damit sie ihr Inneres offenbaren. Du wirst gleich noch mehr
hören. Aber die Frechheit redet von freien Stücken so.«
    »Der junge Schwärmer da,« sagte die Delikatesse, »soll mich recht amüsieren;
der wird immer schöne Verse auf mich machen. Ich werde ihn in der Ferne halten
wie den Ritter. Der Ritter ist freilich schön, wenn er nur nicht so ernstaft
und feierlich aussähe. Der klügste von allen ist wohl der Elegant, der jetzt mit
der Bescheidenheit spricht; ich glaube, er persifliert sie. Wenigstens hat er
über die Sittlichkeit und ihr fades Gesicht viel Hübsches gesagt. Er hat doch
mit mir am meisten gesprochen, und könnte mich wohl einmal verführen, wenn ich
mich nicht anders besinne, oder wenn keiner erscheint, der noch mehr nach der
Mode ist.« - Der Ritter hatte sich der Gesellschaft nun auch genähert; die linke
Hand stützte sich auf den Griff des großen Schwertes, und mit der rechten bot er
den Anwesenden höflichen Gruß. - »Ihr seid doch alle gewöhnlich und ich habe
Langeweile,« sagte der moderne Mann, gähnte und ging fort. Ich sah nunmehr, dass
die Frauen, die ich beim ersten Blick für schön gehalten hatte, eigentlich nur
blühend und artig, übrigens aber unbedeutend waren. Sah man genau zu, so fanden
sich sogar gemeine Züge und Spuren von Verderbteit. Die Frechheit schien mir
nun weniger hart, ich konnte sie dreist ansehen und musste es mir mit
Verwunderung gestehen
