 eine alte Krankheit aller derjenigen sogenannten aufgeklärten
Leute, die ihre Lage und ihr Stand auf immer von der Rolle ausschließen, welche
Leute von Geburt und Macht mit Recht sich ausschließlich zugeeignet haben. Auch
ist es natürlich, vielleicht gar verzeihlich, dass ihr gekränkter Stolz, ihre
zurückgedrückte Eigenliebe einigen Trost in dem Gedanken findet, sie besässen
etwas, das denjenigen fehlte, welche so weit über sie erhaben sind. Aber wenn
sie dieses Leuten von Geburt, Ansprüchen und Stand beibringen wollen und von
diesen zu fordern wagen, dass sie das, was sie wirklich besitzen, für Schimären
austauschen sollen, da muss man ihnen Einhalt tun, und ich sehe, dass Sie es zu
rechter Zeit getan haben. Sie werden vermutlich dieselbe Krankheit an einigen
neuen Schriftstellern Frankreichs bemerkt haben; die Deutschen, die diesen immer
so gerne nachahmen, wollen auch hier nicht zurückbleiben. Diese Schimäre
verschwindet aber leider sehr schnell, wenn man einmal selbst auf diesen
Schauplatz tritt und die Menschen in ihrem tätigen Wirkungskreise handeln sieht.
Gnädiger Herr, hätte ich die Kur eines solchen Jünglings zu übernehmen - wissen
Sie, was ich tun würde? - Ich würde eine luftige Schimäre durch eine andere
vertreiben, die gewisse Leute nur darum so nennen, weil sie, wie gesagt, der
edelste Teil des Volks, vermöge Geburt und Stand, ausschließend in Anspruch
genommen hat und sich mit Recht in dem Besitze behauptet.«
    PRÄSIDENT: Und das wäre?
    RENOT: Wovon ich soeben sprach: die Ehre, der Ruhm, der point d'honneur, den
das erleuchtetste Volk zu einer Feinheit, einer Zartheit, einer Höhe und
Bestimmtheit gebracht hat, dass er bei ihm alle andern Tugenden ersetzt, ja die
einzige Tugend der Gesellschaft geworden ist.
    Leiten Sie die Einbildungskraft Ihres Neffen auf diese Göttin, zeigen Sie
ihm diese Tugend unsers verfeinerten Zeitalters in ihrem ganzen Glänze, beweisen
Sie ihm, wie alle andren einen Mann von Stande zierenden Tugenden aus dieser
allein entspringen, durch sie allein geltend werden, und ich stehe Ihnen dafür,
er wird der phantastischen Göttin, welche sein grämlicher Hofmeister vor seine
Augen gezaubert hat, bald den Abschied geben.
    Der Präsident, höchst zufrieden mit den Gesinnungen Renots, erkundigte sich
nun sorgfältig nach seinen Umständen und Verhältnissen; seine Kenntnisse glaubte
er genug geprüft zu haben. Alles sprach zu Renots Vorteil, bis auf seine Kasse;
doch eben auf diesen letzten Umstand bauete der Präsident die Erfüllung seines
Wunsches. Er ließ ihm die Erziehung der jungen Leute antragen und ihn
versichern, dass er ihm am Ende derselben durch seinen Einfluss eine ehrenvolle
Bestimmung verschaffen wollte, die ihn gewiss für dieses Opfer entschädigen
würde. Renot nahm nach vielen Schwierigkeiten den Antrag endlich an, bewies aber
dem Präsidenten sehr weitläuftig, welch
