
    Viktor blieb im Pfarrgarten ein wenig zurück, weil es noch zu hell war, und
auch weil ihn die arme Apollonia dauerte; diese guckte einsam und ungesehen im
vollen Putze aus dem Fenster des Gartenhäuschens in die Luft und wiegte das
Patchen steilrecht, das sie bald über ihren Kopf, bald unter ihren Magen hing.
Er setzte, wie ein Spiessbürger, im Gartenhaus den Hut nicht auf, um ihren Mut
durch Höflichkeit zu stärken. Ein Wickelkind ist gleichsam der Einbläser und
Balgtreter der Kinderwärterin: der junge Sebastian schickte Appeln hinreichenden
Entsatz gegen den älteren, und sie unterfing sich zuletzt, zu reden und
anzumerken, das Patchen sei ein guter, lieber, schöner »Bastel«. »Aber« (setzte
sie dazu) »die gnädige Frölen (Klotilde) dürfen das nicht hören; Sie wollen
haben, wir sollen ihn Viktor nennen, wenn Sie hören, dass der Vater Bastel sagt.«
Sie strich es nun heraus, wie Klotilde sein Patchen liebe, wie oft sie ihr den
kleinen Schelm abnehme und ihn anlächle und abküsse; und die Lobrednerin
wiederholte am Kleinen alles, was sie pries. Ja der erwachsene Sebastian tat es
auch nach, aber er suchte auf den kleinen Lippen nichts als fremde Küsse; und
vielleicht gehörten bei Appeln wieder seine unter die Sachen, die gesucht
werden. Der Glücklichere verließ die Glücklichere; denn Amor schickte nun eine
geschmückte Hoffnung nach der andern an sein Herz als Boten ab, und alle sagten:
»Wir belügen dich wahrhaftig nicht; trau uns!«
    Endlich fing Stamitz zu stimmen an, um welchen die zähe Obristkämmerei sich
gewiss nichts bekümmert hätte, weil heute keine Fremde da waren, hätte sich nicht
Klotilde dieses Gartenkonzert als die einzige Feier ihrer Geburtnacht erbeten
gehabt. Stamitz und sein Orchester füllten eine erleuchtete Laube - der adelige
Hörsaal saß in der nächsten hellsten Nische und wünschte, es wäre schon aus -
der bürgerliche saß entfernter, und der Kaplan flocht aus Furcht vor dem
katarrhalischen Tau-Fußboden ein Bein ums andre über die Schenkel - Klotilde und
ihre Agathe ruhten in der dunkelsten Blätterloge. Viktor schlich sich nicht eher
ein, als bis ihm die Ouvertüre den Sitz und das Sitzen der Gesellschaft ansagte;
in der fernsten Laube, in der wahren Sonnenferne nahm dieser Bartstern Platz.
Die Ouvertüre bestand aus jenem musikalischen Gekritzel und Geschnörkel - aus
jener harmonischen Phraseologie - aus jenem Feuerwerkgeprassel widereinander
tönender Stellen, welches ich so erhebe, wenn es nirgends ist als in der
Ouvertüre. Dahin passet es; es ist der Staubregen, der das Herz für die großen
Tropfen der einfachern Töne aufweicht. Alle Empfindungen in der Welt bedürfen
Exordien; und die Musik bahnet der Musik den Weg - oder die Tränenwege.
    Stamitz stieg - nach einem dramatischen
