 rührendsten und süßesten Ausdruck
sang Hildegard zuletzt die Arie: Vieni il mio seno di duol ripieno dolce riposo
a consolar; und beschloss: »Dies wäre mir vorgestern vielleicht so gut gewesen,
als das Recept des Herrn Schweiger. Göttliche Tonkunst, du bist die beste
Arzenei der Seelen!«
    Ihr Bruder und Feierabend überhörten dies, indem sie ihre Instrumente bei
Seite legten; und Lockmannen quoll eine Träne in die Augen, da er sich
einbildete, dass dies ihn beträfe.
    Sie gingen in den Garten, wohin die Mutter folgte, sahen den prachtvollen
Untergang der Sonne, welche die ganze Gegend mit ihrem Purpurlicht zu einem Eden
überglänzte, hielten unter den Linden ein angenehmes Gespräch über die Gestade
des Ozeans; und beim Weggehn erhaschte Lockmann noch, mit Hildegarden allein in
der Dämmerung, einen freundschaftlichen Kuss, der unterwegs seinem Wesen
einigermaßen die angenehme friedliche Stimmung gab, welche sie verlangte.
    Die folgenden Tage fing er an, mit Eifer, Feuer und Fülle, den ersten Akt
des Achill in Skyros in Musik zu setzen. Hildegards Stimme leitete ihn immer bei
der Hauptrolle, sie war sein Modell; und die kriegerischen Ausbrüche des jungen
Helden schöpfte er dabei aus seinem eignen Herzen.
    Ob er gleich der junge schöne Mann war, so hatte bis jetzt die volle
Leidenschaft der Liebe doch noch nicht in ihm geherrscht; lüsterne Weiber
verführten ihn nur einigemal zu Venedig und Neapel, wie auf den Raub. Sinnenlust
und weiter nichts. Die Vollkommne durchaus für Herz und Geist und Sinn war noch
nicht erschienen; und der gewaltige Trieb, die höchsten Gipfel seiner Kunst zu
ersteigen, besiegte alles. Hildegard allein fesselte ihn zuerst mit den
unsichtbaren unzerreisslichen Ketten, sanft aber unwiderstehlich. Alles, was er
nun begann und tat, tat er für sie.
    Das nächste Konzert führten sie die vortrefflichen Szenen aus der Armida des
Jomelli auf. Lockmann hatte in einem gedruckten halben Bogen den Plan angegeben,
und den Text der Szenen mit der Übersetzung beigefügt. Hildegard erregte
Bewunderung und Erstaunen; betrug sich aber dabei sehr anständig, und war bei
weitem nicht die Armida bei der Probe auf ihrem Musiksaal. Der alte Reinhold
wankte sehr in seiner Meinung, dass eine schöne Kastratenstimme alle weiblichen
überträfe. Auch Lockmann ärntete als Rinald viel Lob ein. Allen fiel auf, wie
wohl er sich für diese Armida schicke; am mehrsten aber der Fürstin und dem
Herrn von Wolfseck. Dieser lernte nun bloße Höflichkeit von Gefälligkeit und
Neigung besser unterscheiden. Fein, und aller äußern Bewegungen mächtig, stellte
Hildegard sich gegen ihn, als ob in Rücksicht seiner gar nichts vorgegangen
wäre. Er aber vermochte dies nicht, und hielt sich anfangs in Entfernung; er
hatte geglaubt, wie auch die Fürstin, sie würde als ein kluges
