 sie bezeichnen, höchstens! das
    ist alles. Übrigens ahmt die Sängerin
4. noch ihr Mienen- und Geberdenspiel nach.«
    »Also bleibt der Ton der Stimme, deren Umfang und Geschmeidigkeit, das
Wesentlichste vom Individuellen, was ein Tonkünstler nachzuahmen hat. Deren
Charakter muss durch das ganze Drama herrschen; süß für die Edelen, heroisch für
die Kriegsschaaren, nie furchtsam und verworfen.«
    »Menschen von vieler Biegsamkeit, Geschmeidigkeit haben auch einen weiten
Umfang von Stimme; wenigstens muss man dies in der Kunst annehmen. Einem so
rauen Charakter wie Kato war, kann man nur einen geringen Umfang von Tönen
geben; Piccini, der ihn wie einen Kastraten gurgeln lässt, hat ihn ganz verfehlt.
Eben so verfehlte Sarti den Kaiser Titus im Giulio Sabino.«
    »Die begleitenden Instrumente müssen alle zum Charakter der Stimme und des
Ausdrucks passen.«
    »Gewaltige Leidenschaften treiben die Stimme aus einander. Wenn sie bei
einer Armida, Sophonisbe, einem jungen Achill, Orest, den Umfang von drittehalb
Oktaven haben kann: so doch nicht bei einem Temistokles, der sein Inneres mehr
in Gewalt haben soll; und bei Personen in ruhigem Zustande.«
    »Ferner hat der Tonkünstler zur Bezeichnung des Charakters das
Konvenzionelle unsers musikalischen Systems, welches jedoch auf Natur gegründet
ist. Männer, durch ihren Stand erhaben, bezeichnet treflich Es dur; Weiber und
deren süße Leidenschaften E dur, A dur. Und so die Molltöne bei Traurigkeit und
Leiden nach eben dieser Stufe.«
    »Das Leben der Tonkunst ist übrigens so sinnlich, dass zwei vortreffliche
Komponisten voll Gefühl leicht dieselben Konsonanzen und Dissonanzen in Melodie
und Harmonie treffen könnten, wenn sie auf den wahren Ausdruck arbeiten wollten.
Aber bei keiner andern Kunst herrscht so stark die Sucht, neu zu sein und zu
überraschen durch fremde Melodie und Harmonie.«
    »In der Melodie ist jedoch weit mehr Willkürliches und Augenblickliches als
in der Harmonie.«
    »Und dann denkt sich der Dichter sowohl, als der Tonkünstler eine Dido,
einen Alexander jeder nach seinem Fassungsvermögen und seiner Erfahrung; so wie
manche Gans von Schauspielerin eine Elisabet, eine Roxelane macht. Und die
Zuschauer und Zuhörer haben eben so wenig ein ächtes Bild davon in der Seele.«
    »Die meisten Tonkünstler suchen also überhaupt etwas Angenehmes für das Ohr,
und Rührendes für das Herz zu machen; und, wenn zwölf Musiken auf denselben Text
gemacht worden sind, die dreizehnte verschiedene neue, sie mag dazu passen oder
nicht. Sänger und Sängerinnen wagen auf die Unwissenheit des Publikums endlich
gar so viel, dass sie andre Szenen von ganz anderm Inhalt und Charakter, die sie
fertig singen können, in Opern und Operetten einflicken. Ein so ganz bloßes
Ohrenspiel ist die Musik für den großen Haufen
