 sagte ihm aber zu seiner großen Freude, dass dies nicht nötig
sei, und sie die Sprache hinlänglich verstehe.
    Dann sang sie zur Übung einige von den Solfeggen vortrefflich ohne Fehler,
wozu Lockmann sie begleitete.
    Sie sprachen wenig über das Miserere, oder Pietà Signore, von Jomelli,
welches Hildegard schon kannte. Lockmann sagte: »Es wäre ohne Zweifel besser,
wenn Jomelli die bekannten Lateinischen Worte genommen hätte. Die Lingua
volgare, auch in einer treflichen Übersetzung, wie hier nicht immer der Fall
ist, passt nicht zu dem feierlichen Psalm.«
    »Die Musik ist merkwürdig, weil Jomelli sie in seiner letzten Passionszeit,
kurz vor seinem Tode, geschrieben hat. Es ist auch, meinem Gefühl nach, wenig
Lebendiges mehr darin; aber sehr viel strenge einschneidende Kunst der Harmonie.
Wenn man die Worte nicht schon weiß, so wird man ihren Sinn wenig merken. Der
wahre Geschmack, oder die eigentliche Schönheit ist dies gewiss nicht.«
    »Mit den großen klassischen Werken der Kirchenmusik, seinem Requiem
aeternam, und seinem erhabenen erschütternden Benedictus dominus Deus Israel für
die Peterskirche zu Rom, lässt es sich, was Vollkommenheit betrifft, in gar keine
Vergleichung stellen.«
    Flüchtig zum Beschlusse nahmen sie noch das Miserere von Sarti vor. Die
Begleitung machen drei Bratschen, und das Violoncell Solo, mit Abwechslung der
ersten Bratsche.
    Lockmann nannt' es ein Meisterstück der neueren Kirchenmusik, worin das alte
Vortrefliche mit dem neueren vereinigt wäre: Geschmeidigkeit und Geschwindigkeit
der Kehlen und Instrumente in den Solos, und volle ernste Harmonie in den
Chören; und durchaus gefälliger Vortrag, und rührende reizende Melodie in der
schönsten Ausbildung. Die Begleitung bloß von drei Bratschen und dem Violoncell,
sagte er, benehme der Musik das Teatralische. Auch auf den Ausdruck sei immer
gesehen; das Ganze mit einer angenehmen und vortrefflich ausgeführten Fuge
beschlossen.
    Unterdessen fand sich Hildegards Bruder ein. Sie gingen, weil es kühl
geworden war, und der Abend einsank, in den Garten; und unterredeten sich über
die Frage: ob man die neueren Erfindungen in der Musik, und das Ausgebildete der
Melodie und Begleitung auch bei Kirchenmusik brauchen solle?
    Lockmann fuhr, nach wechselseitiger Erzählung von verschiedenen Beispielen,
ferner fort: »Die mehrsten und wichtigsten Stimmen sagen nein. Die Ursache,
welche man dazu angibt, ist, dass es an das Theater erinnere, und die Kirche
entweihe.«
    »Wenn man aber reizende Melodie und ausgebildete Harmonie brauchte, die
nicht auf dem Theater vorkäme? Es ist doch höhere Vollkommenheit; und sie würde
sehr für eine liebenswürdige schwärmerische Frömmigkeit passen.«
    »Die wahre Ursache mag wohl sein, dass die höchste Ausbildung der Kunst sich
nicht für unsern Glauben schickt; und dass so, wie
