 und dies
ist Wein.«
    Lockmann fügte hinzu: »Verschiedne neuere Lieblingsdissonanzen sind sehr
sparsam bei ihm ausgesät, als die übermäßige Sext, verkleinerte Septime; aber
dafür hat das Ganze auch einen männlichern ununterbrochnern Charakter. Die
übermäßige Sext ist wenigemal da, und immer sehr vorbereitet, so dass sie mit
ihrem Stachel nur einschleicht; als bei spiritum rectum, in visceribus, und bei
contribulatus, wo kurz voran zugleich die übermäßige Sekund' ihre herrliche
Wirkung tut.« etc.
    Sie sprachen alsdann von Leo überhaupt, mit Durante dem größten Stifter der
Schule von Neapel, dem Lustort der Sirenen. Hildegard selbst hatte von ihm nur
die Solfeggi und La Morte d'Abel, ein Oratorium nach der Poesie von Metastasio,
und hohlte beides.
    Sie gingen geschwind das letztre durch. Er bemerkte dabei: »In der Poesie
ist nicht genug Stoff zu einem Morde da; es fehlt ganz die poetische
Wahrscheinlichkeit. Nach dem Grundtrieb im Menschen, der Geselligkeit, musste
Abel die andre Hälfte von Kain sein, da dieser ihn allein als männlichen
Spielkameraden auf der weiten Erde hatte. Die Einbildungskraft des damals zu
jungen Metastasio war noch nicht stark und reich genug, so etwas Schweres
täuschend darzustellen; die Poesie ist zu gekünstelt und hat nicht die Natur der
ersten Menschen. Für musikalischen Ausdruck ist wenig da; moralische und
teologische Sentenzen erlauben wenig Abwechslung der Stimme. Auch gehen in der
Musik altväterisch die Formen gar wenig hervor. Die immer trocknen Recitative,
ohne alle Begleitung, ermüden; ob sie gleich in der Harmonie Abwechslung, und
oft glückliche Declamazion haben. Die Arien, wo lange Läufe auf unbedeutenden
Worten sind, ermüden noch mehr; bloße Musik in ernstaftem Styl. Im Ganzen, das
in zwei Teilen besteht, ist nur ein einziges Rezitativ mit Begleitung; das der
Eva am Ende, wo Abel erschlagen gefunden wird. Der Kontrast tut Wirkung, als ob
es eins von Jomelli wäre.«
    »Die Meisterstücke darin aber sind die zwei Chöre am Ende des ersten Teils,
und am Ende des zweiten. Solche erhabene Musik hören wir nicht mehr in unsern
Kirchen; solche feierliche Modulazionen, rührende und herzergreifende
Verschmelzungen, die so wahr die Gefühle einer leidenschaftlichen Seele
ausdrücken. Der erste Chor fängt an:
    Oh di superbia figlia, d'ogni vizio radice, nemica di the stessa invidia
rea.«
    »Der Anfang in lauter Oktaven ist prächtig, der Ausdruck sinnlich.«
    »Der letzte Chor: Parla l'estinto Abelle, ist noch feierlicher; die Harmonie
geht Pindarisch ins Außerordentliche, aus D dur in E dur, Cis moll und Cis dur;
und ist so recht erhabner Kirchenstyl.«
    Lockmann hatte angefangen, Hildegarden dabei das Italiänische ins Deutsche
zu übersetzen; sie
