 einen Opern-Achill; aber aus
dieser atmet zu meinem größten Erstaunen Homers Genius. Wer ist sie? wie heißt
sie?« Er hatte, in Hildegards Schönheit vertieft, und von ihrem Blick gefesselt,
gar nicht Acht gegeben, was um ihn her war gerufen und gesprochen worden.
    Der Mahler antwortete lachend: »Es ist der Sänger Passionei. Auf den
Teatern unsrer heiligen Stadt dürfen keine Frauenzimmer erscheinen; aber die
jungen Kastraten ahmen sie so gut nach, dass sie die feinsten Kenner täuschen,
wie wir an Ihnen ein Beispiel sehen.«
    Der Engländer hatte für sein Lieblingsstudium, die Naturgeschichte, und auch
um mit tieferer Kenntnis sich an den Werken der Kunst zu weiden, von welchen er
durch Erbschaft eine reiche Sammlung besaß, die Anatomie geübt, und wusste die
Verschiedenheit des Männlichen und Weiblichen nicht bloß aus dem Albini. Er war
etwas aufgebracht über die Zurechtweisung; doch hielt ihn das Sonderbare des
Vorfalls zurück, dem Künstler die Augen zu öfnen. Die Andern in der Loge
verzogen hinter seinem Rücken den Mund.
    Der Mahler wollt' es noch besser machen; und, eben als der Sieneser die
Arie: Del sen gli ardori nessun mi vanti, gegen den Charakter derselben ziemlich
weichlich sang, fuhr er fort: »Eine solche Beraubung in der Kindheit macht
zuweilen, dass späterhin die Formen sich sehr verändern.«
    Der Lord erwiderte hierbei kalt und lächelnd nur: »Dieser hat seinen
Bubenkopf glücklich behalten!«
    Ein Jüngling in der Loge erwiderte feurig: »Könnt' es ein Frauenzimmer
geben, das einen so festen süßen Ton der ersten Gattung und solche Lungen hätte;
so müsst' es gewiss von sonderbarer Laune sein, wenn es bei so viel Schönheit ...«
- Das halbe Parterre gebot Stillschweigen. Kurz, es war alles in die Luft
gesprochen; man hielt des Lords Äußerung für ungereimt, dachte nicht weiter
daran, ließ sich während des Zwischenakts das Gefrorne wohl schmecken, sprach
über Personen in Parterre und Logen, und freute sich höchlich über das Ballet,
worin Teseus den Minotaurus erlegte.
    In der siebenten Szene des zweiten Akts ward bei der schönen Stelle: Ove
mirar più mai tant armi, tanti duci, der Tenorist zuerst bewundert, aber noch
mehr der Meister.
    Das Lied der Pyrrha: Se un core annodi, erregte allgemeinen Jubel. Doch der
Kern des Ganzen: Ove son? che ascoltai? machte den stärksten Eindruck. Der
Tenorist und Hildegard wetteiferten; sie war aber unendlich mehr der Griechische
Held, und ließ sich von seinem Teatralischen nicht missleiten. Das Erstaunen des
Lords stieg bis zum höchsten Enthusiasmus; er wusste selbst nicht mehr, was er
über das Geschlecht der Person denken sollte, da er noch keinen Musico genau
