 Stellen lockte ihm nur wenig mehr ab, als er geben wollte.
    Der beliebteste Kapellmeister in Rom, ein junger Mann in die dreißig,
dirigirte. Hildegard selbst aber gab fast immer das Tempo an, ließ wiederhohlen,
was nicht ganz nach ihrem Sinne ging, zeigte, jedoch gefällig und bescheiden,
den rechten Vortrag; und man folgte gehorsam ihrer bessern Einsicht. Sie
erstaunte über die vorher unerkannte Wirkung ganzer Szenen in dem weiten Raume
des großen Theaters, und bewunderte Lockmann's zweckmässige Kunst: die kühnsten
Striche gleichsam al Fresco, und die herbsten Dissonanzen in den entschiedensten
rührungvollsten Ausdruck verschmolzen. Hildegard war oft bei Sacchini's Proben
in London zugegen gewesen; sie ließ sich daher von der Menge nicht stören,
sondern sprach und handelte wie ein erfahrner Meister.
    Kurz, die erste Probe fiel äußerst gut aus. Alle Zuhörer fanden in der
ganzen Oper nichts Mittelmässiges, sondern jede Szene ungewöhnlich ausgearbeitet;
und die feinsten Kenner bewunderten einen Reichtum klassischer Schönheiten, und
den durchaus originellen großen Styl. Bravone il Maestro! bravissimo Passionei!
erscholl oft von einzelnen Stimmen da und dort.
    Am allgemeinsten bewunderte man: Se un core annodi; und die Szene: Ove son?
che ascoltai? - Dille, che si consoli. Aber bei Tornate sereni begli astri
d'amore! konnte man das Entzücken und den Jubel nicht bändigen. Eine rührende
Stimme bat im Namen Aller schmeichelnd um Wiederhohlung. Passionei ließ sich
auch gefällig finden, und zeigte nun, was er vermochte. Man hatte nie etwas
Göttlicheres gehört, und gestand sich einander mit Zähren der Wonne in den
Augen, dass er in Bravour und Ausdruck gleich stark sei, und alle Sänger, auch
die berühmtesten, übertreffe.
    Als die Zuhörer das Theater verließen, war auf den Straßen ein Schwirren in
der Luft von der leichten Melodie: Se un core annodi, mit welcher sich hier und
da die erhabene: Tornate sereni, durchkreuzte und vermischte.
    Zu Mitternacht bei den Abendmahlzeiten ward von weiter nichts gesprochen,
und man ließ durch ganz Rom das Lob des unvergleichlichen Sängers hoch leben.
    Die folgenden Proben wurden kurz vorher angesagt, und deshalb ungestörter
gehalten. Hildegard sah dabei mehr auf das Ganze und den Vortrag des Orchesters.
Auch der zweite Sänger tat sich nun hervor, und näherte sich bei seiner
Hauptscene: Numi clementi, dem Vortreflichen. Sie gab mit Feinheit Acht auf sein
Eigentümliches, um bei Gelegenheit, wenn der Fall vorkäme, es anderwärts in
gehöriger Vollkommenheit zu zeigen; aber noch genauer merkte sie auf den Vortrag
des Tenoristen, der jenen an Ausbildung und Fertigkeit bei weitem übertraf.
    Die blasenden Instrumente, Hoboen, Fagotten, Hörner und Trompeten, waren
glücklicher Weise meistens mit Deutschen, Böhmen und Oestreichern, oder
