 mehreren Sprachen versucht hat. Man machte
das Hemde und den Rock nach dem Leibe.«
    Die Frau von Hohental selbst fügte lächelnd hinzu: »Noverre behauptete, ein
Tonkünstler, der für das Ballet schreiben wolle, müsse, wo nicht selbst Tänzer
sein, doch die Tanzkunst vollkommen verstehen. So wie der Tonkünstler zu den
Texten des Dichters Melodie und Harmonie erfände: so sollte eigentlich der
Balletmeister seine Tänze zu dem Rhythmus der Musik und zu ihrem Ausdruck
überhaupt, erfinden.«
    Reinhold antwortete: »Ich alter Mann bin seit Kurzem noch von mancher
Meinung zurückgekommen. So glaubt' ich zum Beispiel, dass keine Sängerin in der
Welt mit ihrer Stimme Farinelli'n und Kaffarelli'n gleich kommen könne; und hier
vor mir blüht und strahlt in üppiger Schönheit die lebendige Widerlegung: aber
auch die Widerlegung alles jetzt Gesagten.«
    »Zugegeben, wenn Sie wollen, dass die reine allgemeine Musik für die Region
der Geister sein mag. Für mich ist die Musik bloß menschliche Kunst; der Mensch
brachte sie aus sich selbst hervor, und sie hat aller andern Natur wenig zu
danken. Die menschliche Stimme ist der erste Quell derselben, gute Vocalmusik
das Muster aller; und die Sprache davon unzertrennlich.«
    Lockmann erwiderte: »Die Musik ist eine Kunst, die hauptsächlich das
Innere, Unsinnliche, weit umher für das Ohr in die Lüfte verbreitet, und
allgemein ausdrückt, was die Sprache oft nur rau und eckicht andeuten kann. Wer
keine gute Stimme hat - warum sollte der es nicht mit Instrumenten tun?«
    Frau von Lupfen fiel ein: »Nicht wahr, lieber Reinhold, Krücken und Stelzen?
Die menschliche Stimme allein kann Empfindungen durch Töne ausdrücken, welche
nicht mehr allgemein sind, sondern etwas ganz Bestimmtes von Person zu Person
sagen.« Dann wendete sie sich zu Hildegarden, und sagte: »Boshafte! Dein Sieg
über uns sollte Dir, auch unerörtert genug sein.«
    Diese errötete, und erwiderte: »Boshafte, Du selbst! - Instrumentalmusik,
worin Fluss wahren Gefühls, und Schwung, Flug origineller Phantasie herrscht, von
Virtuosen in höchster Fertigkeit vortrefflich vorgetragen, drückt ein so eigenes
geistiges Leben im Menschen aus, dass es jeder anderen Sprache unübersetzbar ist.
Herr Reinhold muss die Meisterstücke von Tartini und Pugnani ganz vergessen
haben.«
    Hohental hemmte den Zwist sogleich dadurch, dass er der Frau von Lupfen,
neben welcher er saß, scherzend ins Ohr raunte: »Meine Schwester ist unschuldig;
warum haben wir unsre schönen Stimmen verloren!«
    Der Alte ergötzte sich an dem Mutwillen, und fing nun wirklich an, die
Instrumentalmusik zu preisen. Er rühmte sie für den Tanz, für die Jagd, für die
Kriegsschaaren, und überhaupt als umgebende Pracht und
