 Regel.«
    Reinhold hatte mit der größten Aufmerksamkeit zugehört, und sagte: »Man kann
fast nicht zweifeln, dass der wahrste und eigentlichste Ausdruck bei allen diesen
Stellen in der gebrauchten Harmonie liege, besonders wenn sie von solchen Kehlen
und mit solchem lebendigen Gefühl vorgetragen werden. Inzwischen glaube ich
doch, dass bei einigen, für den größeren Teil des Publikums, schönere Melodie das
völlig ersetzen könnte, was ihr an ächtem Gehalt bei andrer Harmonie abgehen
möchte.«
    Lockmann erwiderte: »Warum sollte nicht die schönste Melodie mit der
wahrsten Harmonie vereinigt sein können?«
    »Der vortreflichste musikalische Ausdruck irgend einer Empfindung, einer
Leidenschaft, beruhet fürs erste auf der Harmonie; nach deren Verhältnissen
kommt dann der Vortrag in der gefälligsten Melodie, und mit dieser der
ergreifendste Rhythmus.«
    »Alle drei müssen vereinigt sein; aber die erste ist das Wesentlichste: sie
enthält die Elemente, aus denen die andern beiden bestehen. Man mag Messing noch
so schön prägen, und auch etwas von dem königlichen Metall hinzu getan haben:
die Kunst der Bildung wird, was den inneren Wert betrifft, nie die Gediegenheit
des Goldes ersetzen.«
    Der Alte erwiderte lächelnd: »Wir wollen keinen neuen Streit anfangen;
sonst könnt' ich sagen: Luft ist Luft, und nicht so verschieden, wie Metalle.
Ich fühl' es, dass man bei so gewaltigen Gefühlen, wie zum Beispiel in der
Iphigénie en Tauride herrschen, in der Harmonie so tief gehen muss, als man kann;
dass der Accord der großen Septime hierbei ein ungleich mächtigerer Hebebaum ist,
als die andern, und dass die schönsten Phrasen in Terzen und Sexten dagegen
kindisch sind.«
    »Friede! Friede und Freude, Lust und Wonne für den reizenden Unterricht, den
ich vor vielen Jahren genossen zu haben wünschte! Man lernt dadurch Kern von
Schale richtiger unterscheiden.«
    Es ging nun zu Tische. Auch die Mutter war ausgegangen, und hatte die Frau
von Lupfen, die ihr unterwegs begegnete, mitgebracht. Als man an der Tafel in
Ordnung war, fing Hildegard an, den Alten wegen seiner vorigen Geringschätzung
der Instrumentalmusik zum Besten zu haben, und sagte: »Sie scheinen nun mit
Herrn Lockmann einverstanden zu sein, dass jeder Accord seinen besonderen Ausdruck
habe, und dass man etwas Besonderes dabei empfinde, auch ohne dass Worte es
bezeichnen. Musik an und für sich wäre demnach die reine und allgemeine Kunst;
und Vocalmusik nur ein Teil davon. Die allgemeine stände weit über dieser, und
ließe sich nur zu ihr hernieder.«
    Auch Lockmann neckte ihn: »Oder die Dichter erhöben sich zuweilen bis zu dem
Tonkünstler, und ersännen Worte zu dessen Melodien; wie man es bei Haydn und bei
vielen reizenden Liedermelodien in
