
einfacher Reinheit ist ein schönes Muster in eben dieses Meisters Iphigénie en
Aulide (Akt II. Sc. 5.) bei den Worten: Qu'elle n'a rien à craindre. Und zwei
andre herrliche Beispiele seiner Fülle in einem Chore der Iphigénie en Tauride
(Akt II. Sc. 6.) bei den Worten: Patrie infortunée, où par des noeuds si doux
notre ame est encore enchainée; und in der ersten Szene des vierten Akts
derselben, bei Iphigeniens Worten: Dans le fond de mon coeur mets la férocité.«
    »Er macht recht das aus, was man im Kolorit saftig nennt.«
    »Der dritte Septimenaccord ist der Accord der kleinen Septime mit der
kleinen Terz und falschen Quinte. Er kommt in der diatonischen Leiter nur einmal
vor. Wenn er wesentlich, und die Dissonanz kein bloßer Vorhalt ist: so drückt er
Kampf und Leiden aus, und gehört unter die tragischen.«
    »Gluck braucht ihn in der Verwechselung der Sextquinte gleich beim ersten
Ausruf des Orestes zu Ende des ersten Akts der Iphigénie en Tauride zu den
Worten: O mon ami, c'est moi, qui cause ton trépas. Eben so darin wieder Orestes
zum Pylades, in der ersten Szene des zweiten Akts: Je t'ai donné la mort. Und in
der zweiten Szene des vierten Akts, wo Orest sterben will: Les dieux m'en
avoient fait un devoir nécessaire, in der Verwechselung der Secunde19. Leo
bringt im Miserere durch ihn die rührendsten Stellen hervor. Die
herzergreifendste ist: Et spiritum rectum innova in visceribus meis. Bei rectum
ist er in der Verwechselung der Terzquartsext mit dem herben Vorhalt der großen
Septime. Bei visceribus meis geht ihm dann die große Septime und übermäßige Sext
erschütternd vor; und, in visceribus, wird zweimal in der Verwechselung der
Sextquinte darin wiederhohlt. Man kann nichts Flehenderes hören, als die, drei
Takte lang angehaltne Quinte des Soprans und Sexte, mit Abwechselung des höheren
halben Tons in der Melodie, des Tenors dazu. Die ganze Stelle ist noch ein
Meisterstück von melodischem Auseinanderbreiten der Stimmen.«
    »Bei Septimengängen, wo er in die Dissonanzen der vorigen übergeht, merkt
man recht die Schwermut, die darin liegt.«
    »Der Accord, wo die kleine Septime auf dem verminderten Dreiklange nur einen
Vorhalt der kleinen Sexte macht, ist die köstlichste, süßeste und erquickendste
Frucht des ganzen Tonreichs; bei keinem schmelzen so reizende Tinten zur
ausdruckvollsten höchsten Schönheit zusammen; Raphael, Korregio und Tizian
können durch die ausempfundenste Mischung der Farben nichts Lieblicheres in
Blick, Kuss und Umarmung holder Jungfrauen und Jünglinge, zärtlicher treuer
Freunde, darstellen.«
    »In der Septime schwebt erstlich das Gefühl des eigentlichen dritten
Septimenaccords,
