 Pariser haben nicht übel geurteilt, als sie von Glucks Musik sagten:
sie sei antiker Schmerz, Griechische Tränen, und jungfräuliche Frischheit.
Alles dreies trift in den Iphigenien zusammen.«
    »Zuhörer,« fuhr Lockmann fort, »die das Ganze nicht kennen, verlieren zu
viel, wenn man einzelne Szenen aus Glucks neueren Werken für sie herausheben
will; die Musik ist fast immer mit Poesie und Handlung unzertrennlich vereinigt,
und alle Szenen bekommen ihren wahren vollen Gehalt durch das Vorhergehende und
Nachfolgende. Außerdem gehört Musik, deren Wirkung das Genie für eine
Peterskirche, für ein Theater von S. Karlo berechnet hat, nicht für Säle und
Zimmer; die Sphäre ist schon viel zu beschränkt für die Gewalt der Posaunen,
Trompeten und Pauken, und solche Musik passt so wenig hinein, als Figuren aus
einer Kuppel des Korreggio, oder aus der Kreuzabnehmung von Rubens. Dergleichen
Sachen muss man an Ort und Stelle selbst sehen und hören, wie den Mont blanc in
Natur, das Wetter-und Schreckhorn, die Stürze des Rheins, Rhodans und der Aar,
und die Wut des Boreas in den schäumenden Wogen des Weltmeers. Nur ein Kenner
von viel Erfahrung und lebhafter Einbildungskraft kann, abgesondert von dem
Ganzen, dem Künstler einigermaßen nachempfinden. Ein bloßer Teoretiker lese
die Partitur vom Rezitativ des Orestes: Quoi, je ne vaincrai pas ta constance
funeste! hör' es dann mit vollem geübten Orchester in einem weiten
Schauspielhause: und er wird die Wahrheit des hier Gesagten auch wider Willen
empfinden.«
    »Doch wollen wir in der Folge zu unserm eignen Genuss einige Rhapsodien
wagen.«
    »Ehe wir mit Gluck anfingen, bracht' ich Ihnen, weil ich die Abschrift
damals noch nicht ganz erhalten konnte, die schönsten Szenen der besten Oper,
die ich in Italien gehört habe. Ich hoffe, dass man sie in unserm Konzert mit
großem Vergnügen hören wird.«
    Hildegard hatte sich schon an den herrlichen Melodien geweidet, ohne noch
den Sinn der Worte recht fassen zu können. Sie hohlte die Szenen gleich von
ihrem Zimmer. Lockmann legte sie nach einander in Ordnung, und sagte:
    »Die Oper heißt Giulio Sabino; die Musik ist von Sarti. Er selbst führte sie
zu Venedig, während des Karnevals von 1781, im Theater S. Benedetto vortrefflich
auf. Pacchiarotti war Giulio Sabino, und die Pozzi machte die Epponina, dessen
Gattin.«
    »Der Stoff aus der Geschichte ist anziehender als gewöhnlich, und uns viel
näher, als die Griechischen und Römischen Helden. Julius Sabinus wurde für einen
Enkel des Julius Cäsar gehalten, der mit dessen Aeltermutter, einer Gallierin,
vertrauten Umgang gehabt hatte. Die Poesie ist treflich für eine Oper
eingerichtet, und hat die ergreifendsten Situazionen; die
