 er Alle nach seinem flüchtigen kurzen Aufsatze mit dem Ganzen
bekannt, zeigte jedem, wie die Hauptstellen vorzutragen wären; setzte sich an
den Flügel, und fing an. Die Gegenwart und Mitwirkung der Schönheit selbst, von
der Temse herüber, brachte die gespannteste Aufmerksamkeit zuwege. Er führte
wie ein junger Apoll an, und die Probe war in der Tat ein reizendes Schauspiel.
    Sie gelang auch sogleich zum Verwundern. Niemand unter ihnen, und selbst
Lockmann hatte noch je so reine, volle, süße, Ohr und Herz schmeichelnd
ergreifende Töne gehört, als bei den Worten: er weidet seine Heerde; und:
lieblich ist der Boten Schritt, sie kündigen Frieden uns an; aus der gewaltigen
Kehle und von den holdseligen Lippen der Hildegard, wie der Cäcilia selbst aus
dem Himmel auf Erden, hervorströmten, in Bescheidenheit und Unschuld, ohne die
allergeringste Künstelei, nur mit den Accenten hoher Grazie und den netten
Läufen rascher Jugend und Fertigkeit da und dort verziert und geschmückt.
    So wie sie ihn, entzückte er sie; er sang mit ihr den zweiten Sopran,
anstatt der Sängerin, die ihn singen sollte, zuweilen im Tenor, mit der
Entschuldigung, ihr für die nächste Probe nur den gehörigen Ausdruck zeigen zu
wollen. Beide hatten solche Vollkommenheit von einander nicht erwartet; er nur
viel weniger von ihr. Nach ihren ersten Arien sprang er vom Flügel, fiel vor ihr
nieder voll Glut des Enthusiasmus, fasste ihre zarten Hände, küsste sie
inbrünstig, und stammelte: »Wunderwesen, ich bete Sie und Ihre Kunst an. O, die
Italiener haben Recht, dass sie einer Gabrieli, einem Pacchiarotti, Marchesi
fünf- und zehnmal mehr dafür geben in einer Oper zu singen, als einem Sarti,
Paesiello, die ganze Musik dafür zu setzen. Die vortreflichsten Noten sind
dürres Geripp, wenn ihre Melodien nicht durch solche Stimmen schön und reizend
und jugendlich lebendig in die Seelen gezaubert werden.«
    Sie ergriff ihn bei der Hand, zog ihn in die Höhe, und sagte lächelnd: »Zu
viel, zu viel Lob für eine Anfängerin! ich werde sonst Nichts lernen.«
    »Nichts lernen? Mutwillige!«
    Dieser Vorfall kam allen so natürlich vor, dass er fast nicht bemerkt wurde.
Mann und Jüngling und so gar die Weiber sagten wie aus Einem Munde: solche
göttliche Stimme hätten sie noch nie gehört, mit so viel Fertigkeit und
Ausdruck.
    Darauf ging die Probe fort, von ihrer Seite immer mit neuer Schönheit
überraschend bis zu Ende.
    Sie hielt sich nicht lange mehr auf, bat nur, dass man nichts von ihrer
Anwesenheit sagen möchte; verneigte sich vor Lockmann und der Gesellschaft, und
verschwand wie eine Gottheit. Ein freudiges Murmeln entstand im Saal, wie
