 der man so viel spricht?«
    Er antwortete: »Die Frage ist, ob in der Oper, oder überhaupt, ob bei
Singemusik, die Poesie oder die Musik herrschen soll. Gluck hat bei weitem der
Poesie den Vorrang gegeben, nach ihr als ein gehorsamer Diener gearbeitet, und
dadurch die große Menge der Tonkünstler und Liebhaber beleidigt. Er selbst
widerlegt sich aber am besten: denn eben in seinen guten Opern herrscht die
Musik mehr, als in andern; nur flattert sie nicht herum, und treibt kein
Spielwerk, sondern drückt die Gefühle mit mächtiger Entscheidung aus. Und so
herrscht im Gegenteil die Poesie bei manchem Italiener; denn wenn man die Worte
nicht wüsste, so fühlte man oft gar nichts.«
    »Doch wir müssen die Sache genauer untersuchen.«
    »Glucks neuere Opern unterscheiden sich von andern dadurch, dass das Ganze
mehr Einheit und Zusammenhang hat, dass es nicht durch die eingeführten Formen,
besonders der Arien, und die unzweckmässige Kunst der Sänger und Virtuosen
unterbrochen oder in seinem Gange aufgehalten wird, und dass alles Wesentliche in
gehöriger Haltung hervorstrahlt.«
    »Darin hat er völlig Recht; und es war Zeit, dass die übelen Gewohnheiten und
Missbräuche abgeschafft wurden. Doch haben große Meister vor ihm nach eben diesen
Grundsätzen gearbeitet.«
    »Darin aber hat er Unrecht, dass die Poesie nur Zeichnung sein soll, und die
Musik nur Kolorit und Licht und Schatten. Jede von den beiden Künsten hat ihre
Zeichnung, ihr Kolorit und Helldunkel. Dieses springt, dünkt mich, so in die
Augen, und wird so allgemein für wahr angenommen, dass es keines Beweises
bedarf.«
    »Die Musik macht in der Oper ein Ganzes für sich aus: die Worte vereinigen
sich damit, nicht als etwas Fremdes und Verschiednes, sondern als etwas
Gleichartiges in Melodie und Harmonie; und sie bestehen in eben solchen
abgemessnen, nur durch Konsonanten bestimmter geformten Tönen, wie die Vocale der
bloßen Musik. Die Personen der Sänger, und die Worte, stellen das Individuelle
und Bestimmte dar; was die bloßen Vocale der Musik nicht vermögen.«
    »Glucks Hauptverbesserung besteht in der Form der Arien. Die seit Leo's und
Vinci's Zeiten eingeführte Italiänische Hauptform war bei weitem nicht
mannigfaltig genug, und passte in vielen Fällen gar nicht. Auch dies ist schon so
oft gerügt worden, dass ich mit Wiederhohlung davon Ihnen nicht beschwerlich
fallen will.«
    »Inzwischen hat man noch immer keine bestimmte Idee, was Arie überhaupt
eigentlich ist.«
    »Das Wort Aria ist Italiänisch, und hat vielerlei Bedeutungen. In der Oper
bedeutet es nichts anders, als das Werden eines besonderen Ganzen im Strome der
Handlung. Arie ist, in Musik und Poesie, die sich
