 fehlte noch sehr viel, es ganz
zu sein. Vor der Zukunft hing seinen Blicken noch ein undurchdringlicher Flor.
Die letzten Worte, die Hildegard dem Prinzen auf seine Apostrophe sagte, und
ihre, wiewohl nur augenblickliche, Freundlichkeit dabei, taten ihm weh wie
Stiche.
    Vom Herrn von Wolfseck befürchtete er zwar in Rücksicht ihrer wenig mehr;
aber, noch an die Italienischen Sitten gewöhnt, war er besorgt, dass der Rohe ihm
auflauern lassen möchte. Deswegen trug er, wenn er des Abends oder des Nachts zu
Reinholden oder andern Bekannten ging, seinen Degen immer bei sich.
    Er setzte sich vor, alles zu wagen und das Äußerste zu tun, damit sie ihm
nicht entrissen würde. Den Tag darauf nahm er die besten Szenen der
vortreflichsten Oper mit sich, die er in Italien hatte aufführen hören; traf
aber bei Hildegarden auf dem Musiksaal schon die Mutter, welche sich auch
vorgesetzt hatte, die beiden gefährlichen jungen Leute weniger aus den Augen zu
lassen.
    Hildegard war eben beschäftigt, alles zusammen zu suchen, was sie von Gluck
besaß, und bat Lockmannen, dessen wichtigste Werke mit ihr durchzugehn.
    Sie fingen gleich an mit
                               Orfeo ed Euridice.
»Dies, sagte Lockmann, ist der erste Versuch des großen Deutschen Künstlers, die
neue Revoluzion in der Musik zu bewirken. Er wagte ihn zu Wien im Jahre 1764, in
einem Alter von acht und vierzig Jahren, nach mancherlei auf den Teatern von
Italien, London und Deutschland gemachten Erfahrungen von dem, was eigentlich
dauernde Wirkung hervorbringt. Kalsabigi, ein guter Italiänischer Dichter, ward
leicht von seinen Gründen eingenommen, und ließ sich bereden, ihm hierin
behilflich zu sein. Dieser entwarf unter seinem Rat und Beistand das Gedicht,
und beide arbeiteten dann mit einander gemeinschaftlich.«
    »Die Italiänische Oper war bei dem ausschweifenden Luxus einzelner Sänger
und Sängerinnen im Ganzen meistens doch nur ein armseliges Wesen, und glich so
ziemlich dem neueren Römischen Staate, worin nur wenige päpstliche Familien reich
sind; passte so auch gut für Rom und das übrige Italien. Es lässt sich nicht
leugnen, dass drei Akte lang weiter nichts als trocknes Rezitativ und Arien nach
einander, mögen einige auch noch so schön sein, Zuhörern von Kopf und Herzen,
welche in den Logen nicht die meiste Zeit spielen, Gefrornes essen und Chocolate
trinken, endlich langweilig werden müssen. Auch ward man schon vorher gezwungen,
durch öftere und stärkere Begleitung bei Recitativen, und durch Ballete in den
Zwischenakten, dem Schauspiel Abwechselung zu geben.«
    »Noch weit republikanischer wollt' es Gluck machen: die Farinelli, die
Kaffarelli, die Gabrieli, die Todi sollten nicht mehr Pracht und Reichtum
zeigen, als ihr Text verdiente; das Volk der Sänger nicht allein auch etwas
