 schöne Arien
und die Situazionen ausgenommen, herrscht in dieser Oper gar nichts von dem
Gefühl, das im Euripides so aus der innersten Natur gehohlt ist und überall
entzückt. Schade, dass zwei der größten Tonkünstler ihr Genie daran verschwendet
haben!«
    »Das Wahre der Fabel besteht in Folgendem: Orestes muss, dem Verhängnisse der
Götter zufolge, nach manchen Trübsalen noch die Todesangst wegen des
Muttermordes ausstehen; seine jüngste herrliche Schwester und sein himmlischer
Freund retten ihn endlich, und machen ihn wieder glücklich. Das Ganze wird durch
Religion reizend verschleiert und verziert.«
    »Der Opernmacher Verazi hat gar keine Ahndung davon gehabt. Kindisch
verändert er die Fabel und lässt den Orestes wider Willen seine Mutter
Klytämnestra ermorden, weil sie unversehens dazwischen läuft, als er den Aigist
ersticht.«
    »Aber die Musik selbst? - Es ist ein wahrer Ohren-und Seelenschmaus, den
alten großen Jomelli am Ende seiner Laufbahn den Zauber des himmlischen Genius
Majo bekämpfen zu sehen! Wahrscheinlich wählte er Verazi's im Grunde armselige
Oper deswegen, weil er sich mit diesem bewunderten Jüngling messen wollte.
Neapel hat gewissermaassen zum Vorteil des letztern entschieden, und der Alte,
wie man sagt, sich darüber zu Tode gegrämt. Heftige Eifersucht war ja immer bei
großen Talenten. - Zeit und Umstände können auf das Urteil Einfluss gehabt
haben; die Nachwelt soll unparteiisch richten.«
    »Ich selbst kann nicht umhin, so sehr ich auch Jomelli'n bewundre, Majo'n,
was diese Oper betrifft, meine Stimme zu geben; ob ich gleich bekennen muss, dass
Jomelli das Wesentliche des Stücks richtiger gefasst, und ohne Vergleich
vortrefflicher dargestellt hat. Das Wesentliche ist ohne Zweifel das Leiden und
die Raserei des Orestes über den Muttermord. Jomelli hat eben hier den Text
verändert und Neues hinzu gefügt. Seine Musik hat den eigentlichen Charakter,
den der edle Orest haben soll; sie ist voll des tiefsten Gefühls und der
höchsten Schönheit. Man kann nichts Göttlicheres hören, als die vierte Szene des
ersten Akts: Per pietà, deh nascondimi almeno di quel seno l'acerba ferita! deh
per pietà! non mi dir, che ti tolse la vita, quel ingrato chi l'ebbe da te34.«
    »Dies hat Majo gar nicht; und im Folgenden: Grazie ai Numi! parti; auch in
der Arie: Tardi rimorsi atroci, besonders bei Odo il suon delle querule voci,
wird er himmelweit übertroffen. Majo hat hier den Charakter des Orestes
verfehlt; Pomp gibt er, und prächtige Musik, aber wenig treffendes Gefühl.«
    »Und so ganz im edlen Charakter voll tiefen Gefühls nimmt Orestes bei
Jomelli in der Arie der achten Szene des zweiten Akts vom Pylades Abschied:
Prendi l'
