 dass die teatralische Musik hier fast noch in ihrer
Kindheit sei. Das Jagdchor allein gefiel; die Hörner darin taten gute Wirkung;
es hatte Ähnlichkeit selbst mit dem Piccinischen.
Ohne dass Lockmann wusste, woher, war an ihn schon eine Flaschenkiste von dem
allerbesten Champagner und Burgunder aus einem Frachtwagen abgeliefert worden.
Man hatte ihm dafür weiter nichts als den Schein wegen des Empfangs abgefordert,
und nur den nächsten Übersender gemeldet, welcher auf Befragen wieder einen
andern berichtete. Den folgenden Morgen erhielt er wieder eine Kiste. Hildegard
wollte nicht eingestehen, dass sie von ihr kamen, und hatte ihn mit allerlei
Geschichten darüber zum Besten.
    Als die Feste in der Nachbarschaft vorüber waren, traf er Hildegarden
Nachmittags wieder auf dem Musiksaal allein, und bei der besten Laune. Sie fing
an, allerlei Spielereien mit ihrer Stimme zu machen, Läufe hinauf und herunter,
die halsbrechendsten Sprünge, Triller verschiedner Art; und dann zwang sie ihn,
in Terzen und Sexten, langsam und geschwind, leis' und stark, die Kurzweil mit
zu treiben, mit ihr zu wetteifern, und allein bald vor bald nach zu singen; wo
er zuerst recht erkannte, welch ein unendlich reicher Schatz musikalischen
Wesens sie wäre. Er warf sich auf alle Weise überwunden ihr zu Füßen, und sagte:
»Ihr Bajazzo bin ich, - und weiter nichts.«
    »Nein;« sagte sie lachend, und hob ihn auf: »mein Herr und Meister, sobald
Sie reden, und am Klaviere sitzen.« dabei sanken sie einander in die Arme, und
mit einem schnellen, aber höher feurigen Kuss, als je, riss sie sich von ihm.
    Nun setzte er sich an seinen Posten; und sie sprachen überhaupt von den
Manieren. Er sagte: »Auf jedem Instrumente kann man besondere Zierden anbringen;
die wirksamsten aber sind diejenigen, womit die Menschenstimme den Gesang
schmückt. Sie dienen, um den Hauptton sicher zu treffen, die Melodie zu
verschmelzen, die Schönheit und Fertigkeit in ihrem Glanze zu zeigen, und
befördern oft gewaltig die Darstellung.«
    »Die Manieren veraltern, wie die Moden; man will immer neue. Jeder große
Sänger, jede große Sängerin sucht sich dadurch von andern zu unterscheiden; und
eben so die Virtuosen auf Instrumenten. Sie sollen augenblickliche Empfindung
ausdrücken, gleichsam Impromptüs sein; und geben Sängern und Virtuosen etwas
reizend Individuelles. Bloß erlernt und erkünstelt taugen sie nie viel; sie
kommen selten auf den rechten Fleck, und passen nicht zum Charakter. Die
schlechtesten unter allen sind, wenn die Menschenstimme Manieren und Kadenzen
und Läufe der Instrumente nachmacht. Jedoch kann eine gewaltige schöne Stimme
viel wagen, wie ein schönes junges Frauenzimmer bei Moden. Je alberner diese
zuweilen sind, desto
