 Adlerkralle. »Herr von Wolfseck,«
wollt' er fortfahren -
    »Herr von Wolfseck?« erwiderte sie; »was geht mich der Herr von Wolfseck
an, und ein Dutzend Wolfsecke? Ich habe Ihnen meine Meinung darüber schon
gesagt.« Und so musst' er ihr zum Klaviere folgen.
    Er hatte wieder eine Oper von Jomelli mitgebracht, die Didone abbandonata,
welche dieser Komponist 1763 zu Stuttgard aufführte. Er setzte sich und ließ
seinen Zorn an dem armen Dichter aus.
    »Der Text, fing er an, ist eine von den mittelmässigsten Opern des Metastasio
; die Personen darin sind fast alle wahnwitzig. Dido selbst erregt nur wenig
Interesse; besonders wenn man an die im Virgil denkt. Es ist unbegreiflich, dass
Metastasio das Schöne und Große in ihrem Charakter bei dem Römer nicht benutzt
hat. Sie ist mit ihrer Liebe zur Teaterprinzessin herabgewürdigt. Die einzige
schöne Szene ist die, worin sie sich mit dem Narren Jarbas, in Beisein des
Aeneas, um diesen eifersüchtig zu machen, verlobt. Wenn Aeneas sich nicht zu
verliebt noch anstellte: so wär' er der beste Charakter; ein Chevalier
d'industrie, der sich aus dem Staube macht. Die Selene ist eine gar zu alberne
Fratze. Der Anfang des zweiten Akts, wo sie mit dem Araspe schon wie mit einer
Kammerjungfer spricht, ist erbärmlich, und wie sie dem Aeneas ihre Liebe
erklärt, und auf die letzt der Dido selbst.«
    »Araspe und Osmida sind nun vollends poetische Tiere, die unter solchen
Umständen in der Natur gar nicht sein können.«
    »Doch schon zu viel davon. Schöne Arien finden sich, wie in allen Opern von
Metastasio, und Pracht des Schauspiels.«
    Hildegard biss sich einigemal in die Lippen, um nicht zu lachen; und er sah
unverwandt auf die Partitur.
                                  Erster Akt.
Szene 5. »Der Marsch des Jarbas ist voll Pracht, und einer der schönsten, die
ich kenne.« Er spielte ihn voll Feuer.
    »Son Regina ist eine herrliche Bravourarie der Dido. Die Begleitung der
zweiten Violine soll das Erzürnte, Gereizte im Herzen dabei anzeigen. Die
Melodie hat ächten königlichen Charakter.« Hildegard sang sie sotto voce.
    »Quando saprai, chi sono, si fiero non sarai, ist ganz vortrefflich
declamirt; eine ganz eigne Art von Heroischem im Accent. Edler Zorn und Spott;
Muster einer Heldenarie. Das Gleichniss im zweiten Teil ist freilich eine
poetische Floskel. Jomelli steigt in dieser Arie weit über den Dichter; und der
Charakter des Aeneas gewinnt dadurch erstaunlich. Hier sind ächte Züge von
Darstellung.«
    »Son qual fiume des Jarbas ist ein prächtiges pittoreskes Instrumentenspiel,
und passt gut für den Barbaren. Jomelli ist
