 von
Pergolesi einem schönen Gemälde von Raphael, und bleibt in ihrer Einfachheit
wahrer und keuscher, als die von Jomelli, in welcher schon Übertreibung, und
nicht genug Wahrheit, inzwischen weit mehr Fülle von Musik ist.«
    Lockmann fuhr fort: »Eben so ist das Se cerca von Pergolesi ganz
Raphaelisch, so recht die Natur in ihrer nackten Unschuld. Ich glaube nicht, dass
die Musik seiner Zeit etwas Schöneres dieser Art aufzuzeigen hat.«
    »Wahr ist es jedoch, Jomelli's Schönheiten sind beim letztern von edlerer
und höherer Natur, die Formen weit kräftiger, gebildeter, und - atletischer,
möcht' ich sagen. Pergolesi's Formen sind mehr schäfermässig, der Ausdruck
desgleichen; es fehlt die höhere durchgearbeitete Kunst und Menschheit.«
    »Die übrigen Arien, die ich noch von Pergolesi aus dieser Oper gesehen habe,
kommen aber den zwei Stücken bei weitem nicht gleich; sie sind wohl klar, aber
meistens leer.«
    »Pergolesi überhaupt ist kein Meister, der mit Jomelli'n zu vergleichen
wäre. Sein Genie, so viel aus dem zu sehen ist, was wir von ihm haben, war von
geringem Umfang, und nicht von großer Kraft und Stärke. Das Leiden guter
schwacher Menschen drückt er hauptsächlich, aber auch ganz vortrefflich aus; und
so Hoffnung von Rettung. Von dem Tragischen eines Traetta, Jomelli, Gluck steht
er sehr weit ab.«
    »Sein Stabat mater ist das Wichtigste, was wir von ihm haben, und dies wird
auch noch lange bleiben. Es ist ein Meisterstück in seiner Art, und originell:
gleich das erste Duett ein schönes Kunstwerk; die Melodie in zwei Stimmen
verschmolzen, so dass keine sie ganz hat; die Darstellung täuschend.«
    »Das Pertransivit gladius im zweiten Absatze vortrefflich und schneidend. O
quam tristis, voll Ausdruck. In quae moerebat, eine gewisse bescheidne Art von
Enthusiasmus. Dolentem cum filio höchst vortrefflich; so in tanto supplicio, das
Ganze voll Religion und Salbung. Pro peccatis - in tormentis - et flagellis voll
Darstellung. Eben so vidit suum dulcem natum; Eja mater, fons amoris
gleichfalls: ein heiliger Eifer der Frömmigkeit atmet aus allem.«
    »Fac ut ardeat cor meum, eine sehr angenehm verwickelte kleine Fuge,
gleichsam Stempel von Kirchenmusik, welche gut zu Eifer passt.«
    »Sancta mater istud agas ist zwar auch gut, wird aber bei dem Largo etwas
langweilig. Fac ut portem, eben so. Inflammatus et accensus will es wieder mit
frommer Grazie im Allegretto gut machen.«
    »Quando corpus morietur, fac, ut animae donetur paradisi gloria, gehört
unter die vortreflichsten Sachen der Musik vom ersten Range; man kann es zu den
Magdalenen und Johannes von
