 sie wirkt am mehrsten auf das
Volk, und sieht oben an bei jeder Feierlichkeit und Freude. Wenn die Regenten
ihre Untertanen glücklich machen wollen: so ist sie gewiss die vorzüglichste
unter allen Künsten, und zugleich die wohlfeilste.«
    »Die Menschenstimme ist unstreitig das Wesentlichste bei der ganzen Musik;
und an vortrefflichen Menschenstimmen fehlt es überall, auf dem Theater, in
Kirchen, und im gemeinen Leben. In Städten von vielen tausend Einwohnern sind
drei oder vier schöne reine nur einigermaßen ausgebildete Menschenstimmen in
Deutschland, und noch mehr in England und dem Norden, eine wahre Seltenheit.«
    »Die mehrsten schönen Menschenstimmen findet man in Gegenden, wo reine
heitre Luft und gutes Wasser ist; gewöhnlich gar keine, wo Kröpfe einheimisch
sind. Man sollte einen Kenner ordentlich in Besoldung nehmen, und darauf
herumreisen lassen. Ein Fürst, fuhr sie lächelnd fort, könnte sich allein mit
dieser Anstalt verewigen. Und dieser Ruhm kostete ihm des Jahrs vielleicht nicht
mehr, als er fremden Virtuosen für ihre Konzerte bezahlt. In seinem Lande dürfte
ihm schlechterdings keine gute Stimme verloren gehen, und hätte sie ein Junker
oder Fräulein vom ältesten Adel und größten Reichtum.«
    Der Fürst hörte aufmerksam zu; er liebte, welches wohl bekannt war, bis auf
den Grad, wo die gehörige Würde nichts leidet, freimütige +++Reden, besonders
vom Frauenzimmer, und hasste Heuchler und Schmeichler. Hildegard gab Lockmannen
mit Hand und Blick ein Zeichen fortzufahren. Dieser war erstaunt, entzückt sie
so reden zu hören, und schon dadurch überzeugt, dass sie wenigstens Kennerin sein
müsse. Er benutzte die gute Stimmung und Gelegenheit, und fuhr so freimütig
fort, wie sie angefangen hatte.
    »Da wir keine Kastraten machen, so sind alle unsre Sopranstimmen weiblich.
Buben, auch mit den reinsten Kehlen, haben noch keinen Charakter, und sind von
zu kurzer Dauer; ihr Übergang in die Tenor-oder Bassstimme ist immer sehr
misslich. Doch könnte man sie auf Geratewohl vortrefflich in Kirchen und auf dem
Theater bei Chören brauchen; und, so bald bei der Mannbarkeit die schöne tiefere
Stimme entschieden wäre, ihnen die völlige musikalische Erziehung geben. So hat
der Kurfürst Klemens von Bonn aus einem Bauerbuben den großen Raaf gebildet, zur
Bewunderung auf den ersten Bühnen von Europa.«
    »Die Stimmen von weitem Umfang und wichtigem Gehalt sind niemals gleich von
Natur da; sie werden nur durch unaufhörliche Übung gestärkt und gebildet. Zum
Beweise kann einer der jetzigen größten Sänger, und eine der ersten größten
Sängerinnen in Europa dienen, Marchesi und die Todi, welche nach ihrem eignen
Geständnis anfangs sehr unbedeutend waren, und nach langer Übung erst das
wurden, was sie jetzt sind.«
    »Die Hoffnungen schlagen auch hier manchmal fehl; doch nicht
