 des Himmels in ihrer Reinheit
spiegelte, und verlor sich freudig in ferner Waldung.
    Sie sagte bescheiden: »Es sind nur Erinnerungen für mich; ich habe diese
Kunst nie mit dem erforderlichen Fleiße getrieben. Die Zeichnungen von meinem
Bruder, besonders was militärische Architektur betrifft, werden Ihnen ohne
Vergleich besser gefallen.«
    Die musikalische Bibliothek mit einigen teoretischen Werken befand sich zum
gemeinschaftlichen Gebrauch auf dem Musiksaal.
    Lockmann wagte noch nicht, mehr zu sagen, als: »Ich muss Sie immer höher
schätzen und bewundern!« aber seine Blicke konnten nicht verbergen, was er
fühlte. Sie gingen einige Minuten auf und ab. Er schlang seinen Arm endlich um
den ihrigen, drückte ihre Hand an sein Herz; und da sie es gütig und hold
geschehen ließ: so war es ihm nicht möglich, sich länger zu bändigen; in einem
Schwung war Brust an Brust und Mund an Mund, sie mit Gewalt ergriffen und
aufgehoben.
    »Nicht das, nicht das!« sagte sie, und zog sich aus seinen Banden; »das ist
nicht freundschaftlich.« Ihr Blick war ernst und unwillig. Was geschehen war,
mäßigte sein Feuer, und er entschuldigte sich mit einem starken Seufzer: »O,
wären Sie minder schön, weniger im allerstrengsten Verstande liebenswürdig! so
aber müsst' ich Stock und Stein sein, um beständig so vielen Reizen zu
widerstehen.«
    »Trauter,« antwortete sie ihm lächelnd, »die Leidenschaften bilden sich viel
ein, was nicht ist. Nur Verstand und Beschäftigung, bis wir mit der gehörigen
Art unsers Umgangs in Gewohnheit kommen; und dann sind wir so glücklich, als ich
wünsche.«
    So leitete sie ihn bis zum Klaviere, auf das er eine neue Oper hingelegt
hatte. Sie nahm sie in die Hand, las:
              Sofonisba di Verazi, Musica di Tomaso Traetta; 1762.
und freute sich, weil sie von Kramern viel davon hatte sprechen hören, und dabei
auch von Dorotea Wendeling, der Deutschen Melpomene der goldnen Zeit zu
Mannheim.
    Dies brachte ihn einigermaßen wieder zu sich. Sie setzten sich zusammen,
und er fing an, darüber zu reden.
    »Sophonisbe ragt fast zu sehr über alle die andern Personen in der Musik
hervor; eine junge Königin voll Gefühl, doch noch mehr Adel der Seele.«
    »Sie ist weit mehr ein Geschöpf des Tonkünstlers, als des Dichters. Bei den
Hauptsituazionen, den einzig bedeutenden, ist des ersteren Ausdruck entschieden
vortrefflich, ganz Natur, so rein, dass nicht zu denken ist, wie er besser sein
könnte. Und nicht allein der Ausdruck ist vortrefflich, sondern die Musik
überhaupt: schöne neue Melodie, schöne neue glänzende Begleitung, gründliche
passende abwechselnde Harmonie. Kurz, Traetta
