 seien schon immer liebenswürdig genug, wie
sie die Natur hervorgebracht hat.«
    Indessen war man zwischen angenehmen Büschen und Hügeln, zwischen Gärten und
Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer, besonders aber Madame
Melina, drückten ihr Entzücken über die Gegend aus. Letztre fing sogar an, ein
artiges Gedicht von der beschreibenden Gattung über eine ähnliche Naturszene
feierlich herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor,
dass sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstand zu sprechen;
sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten Komödie mit Eifer durch.
Der polternde Alte sollte einen pensionierten Offizier, Laertes einen
vazierenden Fechtmeister, der Pedant einen Juden vorstellen, sie selbst wolle
eine Tirolerin machen und überließ den übrigen, sich ihre Rollen zu wählen. Man
sollte fingieren, als ob sie eine Gesellschaft weltfremder Menschen seien, die
soeben auf einem Marktschiffe zusammenkomme.
    Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine
allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.
    Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stille hielt, um mit
Erlaubnis der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand und
gewinkt hatte.
    »Das ist eben noch, was wir brauchten«, rief Philine, »ein blinder Passagier
fehlte noch der Reisegesellschaft.«
    Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner Kleidung und
seiner ehrwürdigen Miene wohl für einen Geistlichen hätte nehmen können. Er
begrüßte die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise dankte und ihn bald mit
ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf die Rolle eines Landgeistlichen an,
die er zur Verwunderung aller auf das artigste durchsetzte, indem er bald
ermahnte, bald Histörchen erzählte, einige schwache Seiten blicken ließ und sich
doch im Respekt zu erhalten wusste.
    Indessen hatte jeder, der nur ein einziges Mal aus seinem Charakter
herausgegangen war, ein Pfand geben müssen. Philine hatte sie mit großer
Sorgfalt gesammelt und besonders den geistlichen Herrn mit vielen Küssen bei der
künftigen Einlösung bedroht, ob er gleich selbst nie in Strafe genommen ward.
Melina dagegen war völlig ausgeplündert. Hemdenknöpfe und Schnallen und alles,
was Bewegliches an seinem Leibe war, hatte Philine zu sich genommen; denn er
wollte einen reisenden Engländer vorstellen und konnte auf keine Weise in seine
Rolle hineinkommen.
    Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine
Einbildungskraft und seinen Witz aufs möglichste angestrengt, und jedes seine
Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert. So kam man an dem
Ort an, wo man sich den Tag über aufhalten wollte, und Wilhelm geriet mit dem
Geistlichen, wie wir ihn seinem Aussehn und seiner Rolle nach nennen wollen, auf
dem Spaziergange bald in ein interessantes Gespräch.
    »Ich finde diese Übung«, sagte der Unbekannte, »unter Schauspielern,
