
Abends zu uns sagte: »Die Tanzmusik hat sich entfernt; die jungen, flüchtigen
Freunde haben uns verlassen; das Ehepaar selbst sieht schon ernsthafter aus als
vor einigen Tagen, und in einer solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir
uns vielleicht nie, wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen
Stimmung, die ich nicht edler nähren kann als durch eine Musik, deren
Wiederholung Sie schon früher zu wünschen schienen.«
    Er ließ durch das indes verstärkte und im stillen noch mehr geübte Chor uns
vier- und achtstimmige Gesänge vortragen, die uns, ich darf wohl sagen, wirklich
einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich hatte bisher nur den frommen Gesang
gekannt, in welchem gute Seelen oft mit heiserer Kehle, wie die Waldvögelein,
Gott zu loben glauben, weil sie sich selbst eine angenehme Empfindung machen;
dann die eitle Musik der Konzerte, in denen man allenfalls zur Bewunderung eines
Talents, selten aber auch nur zu einem vorübergehenden Vergnügen hingerissen
wird. Nun vernahm ich eine Musik, aus dem tiefsten Sinne der trefflichsten
menschlichen Naturen entsprungen, die durch bestimmte und geübte Organe in
harmonischer Einheit wieder zum tiefsten, besten Sinne des Menschen sprach und
ihn wirklich in diesem Augenblicke seine Gottähnlichkeit lebhaft empfinden ließ.
Alles waren lateinische geistliche Gesänge, die sich wie Juwelen in dem goldnen
Ringe einer gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen und mich, ohne
Anforderung einer sogenannten Erbauung, auf das geistigste erhoben und glücklich
machten.
    Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste beschenkt. Mir
überreichte er das Ordenskreuz meines Stiftes, kunstmässiger und schöner
gearbeitet und emailliert, als man es sonst zu sehen gewohnt war. Es hing an
einem großen Brillanten, wodurch es zugleich an das Band befestigt wurde, und
den er als den edelsten Stein einer Naturaliensammlung anzusehen bat.
    Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf seine Güter, wir andern kehrten
alle nach unsern Wohnungen zurück und schienen uns, was unsere äußern Umstände
anbetraf, in ein ganz gemeines Leben zurückgekehrt zu sein. Wir waren wie aus
einem Feenschloss auf die platte Erde gesetzt und mussten uns wieder nach unsrer
Weise benehmen und behelfen.
    Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht hatte,
ließ einen schönen Eindruck bei mir zurück; doch blieb er nicht lange in
seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu unterhalten und zu
erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von seinen besten und
gefälligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie lange genug genossen hatte,
wieder mit andern vertauschte.
    Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, die
Angelegenheiten meines Herzens und meines Gemütes in Ordnung zu bringen und mich
davon mit ähnlich gesinnten Personen zu unterhalten, als dass ich mit
Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hätte betrachten sollen,
