 der Bücher. Sie waren in jedem Sinne gesammelt; denn es waren beinahe auch
nur solche darin zu finden, die uns zur deutlichen Erkenntnis führen oder uns
zur rechten Ordnung anweisen, die uns entweder rechte Materialien geben oder uns
von der Einheit unsers Geistes überzeugen.
    Ich hatte in meinem Leben unsäglich gelesen, und in gewissen Fächern war mir
fast kein Buch unbekannt; um desto angenehmer war mir's, hier von der Übersicht
des Ganzen zu sprechen und Lücken zu bemerken, wo ich sonst nur eine beschränkte
Verwirrung oder eine unendliche Ausdehnung gesehen hatte.
    Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr interessanten stillen
Mannes. Er war Arzt und Naturforscher und schien mehr zu den Penaten als zu den
Bewohnern des Hauses zu gehören. Er zeigte uns das Naturalienkabinett, das wie
die Bibliothek in verschlossenen Glasschränken zugleich die Wände der Zimmer
verzierte und den Raum veredelte, ohne ihn zu verengen. Hier erinnerte ich mich
mit Freuden meiner Jugend und zeigte meinem Vater mehrere Gegenstände, die er
ehemals auf das Krankenbette seines kaum in die Welt blickenden Kindes gebracht
hatte. dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden Unterredungen, dass er
sich mir in Absicht auf religiöse Gesinnungen nähere, lobte dabei den Oheim
außerordentlich wegen seiner Toleranz und Schätzung von allem, was den Wert und
die Einheit der menschlichen Natur anzeige und befördere, nur verlange er
freilich von allen andern Menschen ein Gleiches und pflege nichts so sehr als
individuellen Dünkel und ausschliessende Beschränktheit zu verdammen oder zu
fliehen.
    Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim die Freude aus den Augen,
und er sprach verschiedenemal mit mir über das, was er für sie und ihre Kinder
zu tun denke. Er hatte schöne Güter, die er selbst bewirtschaftete und die er in
dem besten Zustande seinen Neffen zu übergeben hoffte. Wegen des kleinen Gutes,
auf dem wir uns befanden, schien er besondere Gedanken zu hegen: »Ich werde es«,
sagte er, »nur einer Person überlassen, die zu kennen, zu schätzen und zu
genießen weiß, was es enthält, und die einsieht, wie sehr ein Reicher und
Vornehmer besonders in Deutschland Ursache habe, etwas Mustermässiges
aufzustellen.«
    Schon war der größte Teil der Gäste nach und nach verflogen; wir bereiteten
uns zum Abschied und glaubten die letzte Szene der Feierlichkeit erlebt zu
haben, als wir aufs neue durch seine Aufmerksamkeit, uns ein würdiges Vergnügen
zu machen, überrascht wurden. Wir hatten ihm das Entzücken nicht verbergen
können, das wir fühlten, als bei meiner Schwester Trauung ein Chor
Menschenstimmen sich ohne alle Begleitung irgendeines Instruments hören ließ.
Wir legten es ihm nahe genug, uns das Vergnügen noch einmal zu verschaffen; er
schien nicht darauf zu merken. Wie überrascht waren wir daher als er eines
