 Leichtsinn der Künstler, über die Leerheit der Dichter
und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten, dass eben sie selbst und
die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das Buch nicht lesen würden, das
geschrieben wäre, wie sie es fordern, dass ihnen die echte Dichtung fremd sei,
und dass selbst ein gutes Kunstwerk nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen
könne. Doch lassen Sie uns abbrechen, es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu
klagen.«
    Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gemälde, die an der
Wand aufgehängt waren; mein Auge hielt sich an die, deren Anblick reizend oder
deren Gegenstand bedeutend war; er ließ es eine Weile geschoben, dann sagte er:
»Gönnen Sie nun auch dem Genius, der diese Werke hervorgebracht hat, einige
Aufmerksamkeit. Gute Gemüter sehen so gerne den Finger Gottes in der Natur;
warum sollte man nicht auch der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung
schenken?« Er machte mich sodann auf unscheinbare Bilder aufmerksam und suchte
mir begreiflich zu machen, dass eigentlich die Geschichte der Kunst allein uns
den Begriff von dem Wert und der Würde eines Kunstwerks geben könne, dass man
erst die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des Handwerks, an denen der
fähige Mensch sich jahrhundertelang hinaufarbeitet, kennen müsse, um zu
begreifen, wie es möglich sei, dass das Genie auf dem Gipfel, bei dessen bloßem
Anblick uns schwindelt, sich frei und fröhlich bewege.
    Er hatte in diesem Sinne eine schöne Reihe zusammengebracht, und ich konnte
mich nicht enthalten, als er mir sie auslegte, die moralische Bildung hier wie
im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm meine Gedanken äußerte, versetzte
er: »Sie haben vollkommen recht, und wir sehen daraus, dass man nicht wohl tut,
der sittlichen Bildung einsam, in sich selbst verschlossen nachzuhängen;
vielmehr wird man finden, dass derjenige, dessen Geist nach einer moralischen
Kultur strebt, alle Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit
auszubilden, damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe
herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie übergibt
und in den Fall kommt, seine edlere Natur durch Vergnügen an geschmacklosen
Tändeleien, wo nicht an etwas Schlimmerem herabzuwürdigen.«
    Ich hatte ihn nicht im Verdacht, dass er auf mich ziele, aber ich fühlte mich
getroffen, wenn ich zurückdachte, dass unter den Liedern, die mich erbauet
hatten, manches abgeschmackte mochte gewesen sein, und dass die Bildchen, die
sich an meine geistlichen Ideen anschlossen, wohl schwerlich vor den Augen des
Oheims würden Gnade gefunden haben.
    Philo hatte sich indessen öfters in der Bibliothek aufgehalten und führte
mich nunmehr auch in selbiger ein. Wir bewunderten die Auswahl und dabei die
Menge
