 ist, wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit zuerst den Sinn
des Buchstabens erklären und ihnen den Verstand eröffnen. Wer Anlage hat, eilt
alsdann selbst dem geistreichen und empfindungsvollen Ausdrucke entgegen, und
wer sie nicht hat, wird wenigstens niemals ganz falsch spielen und rezitieren.
Ich habe aber bei Schauspielern, so wie überhaupt, keine schlimmere Anmassung
gefunden, als wenn jemand Ansprüche an Geist macht, solange ihm der Buchstabe
noch nicht deutlich und geläufig ist.«
 
                                 Achtes Kapitel
Wilhelm kam zur ersten Teaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den Brettern
allein. Das Lokal überraschte ihn und gab ihm die wunderbarsten Erinnerungen.
Die Wald- und Dorfdekoration stand genau so wie auf der Bühne seiner Vaterstadt,
auch bei einer Probe, als ihm an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe
bekannte und ihm die erste glückliche Nacht zusagte. Die Bauernhäuser glichen
sich auf dem Theater wie auf dem Lande, die wahre Morgensonne beschien, durch
einen halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die neben
der Türe schlecht befestigt war, nur leider schien sie nicht wie damals auf
Marianens Schoss und Busen. Er setzte sich nieder, dachte dieser wunderbaren
Übereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, dass er sie vielleicht auf diesem
Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es war weiter nichts, als dass ein
Nachspiel, zu welchem diese Dekoration gehörte, damals auf dem deutschen Theater
sehr oft gegeben wurde.
    In diesen Betrachtungen störten ihn die übrigen ankommenden Schauspieler,
mit denen zugleich zwei Theater- und Garderobenfreunde hereintraten und
Wilhelmen mit Enthusiasmus begrüßten. Der eine war gewissermaßen an Madame
Melina attachiert; der andere aber ein ganz reiner Freund der Schauspielkunst,
und beide von der Art, wie sich jede gute Gesellschaft Freunde wünschen sollte.
Man wusste nicht zu sagen, ob sie das Theater mehr kannten oder liebten. Sie
liebten es zu sehr, um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu
schätzen und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das
Mittelmässige nicht unerträglich, und der herrliche Genuss, mit dem sie das Gute
vor und nach kosteten, war über allen Ausdruck. Das Mechanische machte ihnen
Freude, das Geistige entzückte sie, und ihre Neigung war so groß, dass auch eine
zerstückelte Probe sie in eine Art von Illusion versetzte. Die Mängel schienen
ihnen jederzeit in die Ferne zu treten, das Gute berührte sie wie ein naher
Gegenstand. Kurz, sie waren Liebhaber, wie sie sich der Künstler in seinem Fache
wünscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre, vom Parterre
in die Kulissen, ihr angenehmster Aufenthalt in der Garderobe, ihre emsigste
Beschäftigung, an der Stellung, Kleidung, Rezitation und Deklamation der
Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr lebhaftestes Gespräch über
