 ist; ja, ich bin überzeugt, dass
Shakespeare es selbst so würde gemacht haben, wenn sein Genie nicht auf die
Hauptsache so sehr gerichtet und nicht vielleicht durch die Novellen, nach denen
er arbeitete, verführt worden wäre.«
    »Lassen Sie hören«, sagte Serlo, indem er sich gravitätisch aufs Kanapee
setzte; »ich werde ruhig aufhorchen, aber auch desto strenger richten.«
    Wilhelm versetzte: »Mir ist nicht bange; hören Sie nur. Ich unterscheide
nach der genauesten Untersuchung, nach der reiflichsten Überlegung in der
Komposition dieses Stücks zweierlei: das erste sind die großen innern
Verhältnisse der Personen und der Begebenheiten, die mächtigen Wirkungen, die
aus den Charakteren und Handlungen der Hauptfiguren entstehen, und diese sind
einzeln vortrefflich, und die Folge, in der sie aufgestellt sind,
unverbesserlich. Sie können durch keine Art von Behandlung zerstört, ja kaum
verunstaltet werden. Diese sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand
anzutasten wagt, die sich tief in die Seele eindrücken, und die man, wie ich
höre, beinahe alle auf das deutsche Theater gebracht hat. Nur hat man, wie ich
glaube, darin gefehlt, dass man das zweite, was bei diesem Stück zu bemerken ist,
ich meine die äußern Verhältnisse der Personen, wodurch sie von einem Orte zum
andern gebracht oder auf diese und jene Weise durch gewisse zufällige
Begebenheiten verbunden werden, für allzu unbedeutend angesehen, nur im
Vorbeigehn davon gesprochen oder sie gar weggelassen hat. Freilich sind diese
Fäden nur dünn und lose, aber sie gehen doch durchs ganze Stück und halten
zusammen, was sonst auseinanderfiele, auch wirklich auseinanderfällt, wenn man
sie wegschneidet und ein übriges getan zu haben glaubt, dass man die Enden
stehenlässt.
    Zu diesen äußern Verhältnissen zähle ich die Unruhen in Norwegen, den Krieg
mit dem jungen Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim, den
geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen und seine
Rückkehr am Ende; ingleichen die Rückkehr des Horatio von Wittenberg, die Lust
Hamlets dahin zu gehen, die Reise des Laertes nach Frankreich, seine Rückkunft,
die Verschickung Hamlets nach England, seine Gefangenschaft beim Seeräuber, der
Tod der beiden Hofleute auf den Uriasbrief: alles dieses sind Umstände und
Begebenheiten, die einen Roman weit und breit machen können, die aber der
Einheit dieses Stücks, in dem besonders der Held keinen Plan hat, auf das
äußerste schaden und höchst fehlerhaft sind.«
    »So höre ich Sie einmal gerne!« rief Serlo.
    »Fallen Sie mir nicht ein«, versetzte Wilhelm, »Sie möchten mich nicht immer
loben. Diese Fehler sind wie flüchtige Stützen eines Gebäudes, die man nicht
wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer
