 zu einer
bewundernswürdigen Fähigkeit. Nicht wenig trug dazu bei, dass er auch Gedichte
lesen ließ und in ihnen das Gefühl jenes Reizes erhielt, den ein
wohlvorgetragener Rhythmus in unsrer Seele erregt, anstatt dass man bei andern
Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen, wozu einem jeden
der Schnabel gewachsen war.
    Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die sämtlichen angekommenen
Schauspieler kennen lernen, das, was sie waren, und was sie werden konnten,
beurteilt und sich in der Stille vorgenommen, von ihren Talenten bei einer
Revolution, die seiner Gesellschaft drohte, sogleich Vorteil zu ziehen. Er ließ
die Sache eine Weile auf sich beruhen, lehnte alle Interzessionen Wilhelms für
sie mit Achselzucken ab, bis er seine Zeit ersah und seinem jungen Freunde ganz
unerwartet den Vorschlag tat, er solle doch selbst bei ihm aufs Theater gehen,
und unter dieser Bedingung wolle er auch die übrigen engagieren.
    »Die Leute müssen also doch so unbrauchbar nicht sein, wie Sie mir solche
bisher geschildert haben«, versetzte ihm Wilhelm, »wenn sie jetzt auf einmal
zusammen angenommen werden können, und ich dächte, ihre Talente müssten auch ohne
mich dieselbigen bleiben.«
    Serlo eröffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine Lage:
wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der Erneuerung des Kontrakts zu
steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm nachzugeben, besonders da die Gunst
des Publikums gegen ihn so groß nicht mehr sei. Liesse er diesen gehen, so würde
sein ganzer Anhang ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber
auch einige mittelmäßige Glieder verlöre. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was er
dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und selbst an Frau Melina zu
gewinnen hoffe. Ja, er versprach dem armen Pedanten als Juden, Minister und
überhaupt als Bösewicht einen entschiedenen Beifall zu verschaffen.
    Wilhelm stutzte und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur um etwas
zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Atem geholt hatte: »Sie sprechen auf
eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an uns finden und von uns
hoffen; wie sieht es denn aber mit den schwachen Seiten aus, die Ihrem
Scharfsinne gewiss nicht entgangen sind?«
    »Die wollen wir bald durch Fleiß, Übung und Nachdenken zu starken Seiten
machen«, versetzte Serlo. »Es ist unter euch allen, die ihr denn doch nur
Naturalisten und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr oder weniger Hoffnung von
sich gäbe; denn soviel ich alle beurteilen kann, so ist kein einziger Stock
darunter, und Stöcke allein sind die Unverbesserlichen, sie mögen nun aus
Eigendünkel, Dummheit oder Hypochondrie ungelenk und unbiegsam sein.«
    Serlo legte darauf mit wenigen Worten die
