 seine Gemütsart, sein
Talent und seine Lebensart dergestalt wechselsweise gegeneinander, dass er sich
unvermerkt zu einem vollkommenen Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine
seltsam scheinende, aber ganz natürliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch
Einsicht und Übung seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel zu einer
hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit, indem er im Leben und Umgang
immer heimlicher, künstlicher, ja verstellt und ängstlich zu werden schien.
    Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen wir vielleicht an einem
andern Orte und bemerken hier nur so viel, dass er in späteren Zeiten, da er schon
ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem Namen und in einer sehr guten,
obgleich nicht festen Lage war, sich angewöhnt hatte, im Gespräch auf eine feine
Weise teils ironisch, teils spöttisch den Sophisten zu machen und dadurch fast
jede ernsthafte Unterhaltung zu zerstören. Besonders gebrauchte er diese Manier
gegen Wilhelm, sobald dieser, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines
teoretisches Gespräch anzuknüpfen Lust hatte. Dessenungeachtet waren sie sehr
gern beisammen, indem durch ihre beiderseitige Denkart die Unterhaltung lebhaft
werden musste. Wilhelm wünschte alles aus den Begriffen, die er gefasst hatte, zu
entwickeln und wollte die Kunst in einem Zusammenhange behandelt haben. Er
wollte ausgesprochene Regeln festsetzen, bestimmen, was recht, schön und gut
sei, und was Beifall verdiene; genug, er behandelte alles auf das ernstlichste.
Serlo hingegen nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals direkt auf eine
Frage antwortete, wusste er durch eine Geschichte oder einen Schwank die artigste
und vergnüglichste Erläuterung beizubringen und die Gesellschaft zu
unterrichten, indem er sie erheiterte.
                              Neunzehntes Kapitel
Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte, befanden
sich Melina und die übrigen in einer desto verdriesslichern Lage. Sie erschienen
unserm Freunde manchmal wie böse Geister und machten ihm nicht bloß durch ihre
Gegenwart, sondern auch oft durch flämische Gesichter und bittere Reden einen
verdrießlichen Augenblick. Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen,
geschweige, dass er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und hatte
dessenungeachtet nach und nach ihre sämtlichen Fähigkeiten kennen gelernt. Sooft
sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten, hatte er die Gewohnheit, lesen
zu lassen und manchmal selbst mitzulesen. Er nahm Stücke vor, die noch gegeben
werden sollten, die lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur teilweise.
So ließ er auch nach einer ersten Aufführung Stellen, bei denen er etwas zu
erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der Schauspieler und
verstärkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu treffen. Und wie ein geringer,
aber richtiger Verstand mehr als ein verworrenes und ungeläutertes Genie zur
Zufriedenheit anderer wirken kann, so erhub er mittelmäßige Talente durch die
deutliche Einsicht, die er ihnen unmerklich verschafte,
