 zu lassen? Gib mir nur deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst;
das andere weiß ich. Die Quellen und Hilfsmittel zu deinem Werke will ich dir
aufsuchen; an Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die
nicht gezählt ist, müssen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkünfte der Länder
nehmen wir aus Taschenbüchern und Tabellen, die, wie bekannt, die
zuverlässigsten Dokumente sind. Darauf gründen wir unsre politischen
Räsonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen soll's nicht fehlen. Ein paar
Fürsten beschreiben wir als wahre Väter des Vaterlandes, damit man uns desto
eher glaubt, wenn wir einigen andern etwas anhängen; und wenn wir nicht geradezu
durch den Wohnort einiger berühmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen in
einem Wirtshause, lassen sie uns im Vertrauen das albernste Zeug sagen.
Besonders vergessen wir nicht, eine Liebesgeschichte mit irgendeinem naiven
Mädchen auf das anmutigste einzuflechten, und es soll ein Werk geben, das nicht
allein Vater und Mutter mit Entzücken erfüllen soll, sondern das dir auch jeder
Buchhändler mit Vergnügen bezahlt.«
    Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten viel Lust an ihrer Arbeit,
indes Wilhelm abends im Schauspiel und in dem Umgange mit Serlo und Aurelien die
größte Zufriedenheit fand und seine Ideen, die nur zu lange sich in einem engen
Kreise herumgedreht hatten, täglich weiter ausbreitete.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Nicht ohne das größte Interesse vernahm er stückweise den Lebenslauf Serlos;
denn es war nicht die Art dieses seltenen Mannes, vertraulich zu sein und über
irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war, man darf sagen, auf dem
Theater geboren und gesäugt. Schon als stummes Kind musste er durch seine bloße
Gegenwart die Zuschauer rühren, weil auch schon damals die Verfasser diese
natürlichen und unschuldigen Hilfsmittel kannten, und sein erstes »Vater« und
»Mutter« brachte in beliebten Stücken ihm schon den größten Beifall zuwege, ehe
er wusste, was das Händeklatschen bedeutete. Als Amor kam er zitternd mehr als
einmal im Flugwerke herunter, entwickelte sich als Harlekin aus dem Ei und
machte als kleiner Essenkehrer schon früh die artigsten Streiche.
    Leider musste er den Beifall, den er an glänzenden Abenden erhielt, in den
Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen. Sein Vater, überzeugt, dass nur durch Schläge
die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und festgehalten werden könne, prügelte ihn
beim Einstudieren einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind
ungeschickt war, sondern damit es sich desto gewisser und anhaltender geschickt
zeigen möge. So gab man ehemals, indem ein Grenzstein gesetzt wurde, den
umstehenden Kindern tüchtige Ohrfeigen, und die ältesten Leute erinnern sich
noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran und zeigte außerordentliche
Fähigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des Körpers
