 ich mir sorgfältig aus,
wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder vergiftet wurde, und meine
Einbildungskraft sah über Exposition und Verwicklung hinweg und eilte dem
interessanten fünften Akte zu. So fing ich auch wirklich an, einige Stücke von
hinten hervor zu schreiben, ohne dass ich auch nur bei einem einzigen bis zum
Anfange gekommen wäre.
    Zu gleicher Zeit las ich, teils aus eigenem Antrieb, teils auf Veranlassung
meiner guten Freunde, welche in den Geschmack gekommen waren, Schauspiele
aufzuführen, einen ganzen Wust teatralischer Produktionen durch, wie sie der
Zufall mir in die Hände führte. Ich war in den glücklichen Jahren, wo uns noch
alles gefällt, wo wir in der Menge und Abwechslung unsre Befriedigung finden.
Leider aber ward mein Urteil noch auf eine andere Weise bestochen. Die Stücke
gefielen mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige,
die ich nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und meine lebhafte
Vorstellungskraft, da ich mich in alle Rollen denken konnte, verführte mich, zu
glauben, dass ich auch alle darstellen würde; gewöhnlich wählte ich daher bei der
Austeilung diejenigen, welche sich gar nicht für mich schickten, und, wenn es
nur einigermaßen angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen.
    Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen: ein Stab wird zur
Flinte, ein Stückchen Holz zum Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und jeder
Winkel zur Hütte. In diesem Sinne entwickelte sich unser Privatteater. Bei der
völligen Unkenntnis unserer Kräfte unternahmen wir alles, bemerkten kein qui pro
quo und waren überzeugt, jeder müsse uns dafür nehmen, wofür wir uns gaben.
Leider ging alles einen so gemeinen Gang, dass mir nicht einmal eine merkwürdige
Albernheit zu erzählen übrigbleibt. Erst spielten wir die wenigen Stücke durch,
in welchen nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir einige aus unserm
Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In einigen Häusern hielt
man es für eine nützliche Beschäftigung und lud Gesellschaften darauf. Unser
Artillerielieutenant verließ uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen
und gehen, deklamieren und gestikulieren sollten; allein er erntete für seine
Bemühung meistens wenig Dank, indem wir die theatralischen Künste schon besser
als er zu verstehen glaubten.
    Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel; denn wir hatten oft sagen hören
und glaubten selbst, es sei leichter, eine Tragödie zu schreiben und
vorzustellen, als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fühlten wir uns beim
ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente; wir suchten uns der Höhe des
Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere durch Steifheit und Affektation zu
nähern und dünkten uns durchaus nicht wenig; allein vollkommen glücklich waren
wir nur, wenn wir recht rasen, mit den Füßen stampfen und
