 des andern Tages wieder
zusammenkamen, »dass der Schauspieler ein Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe
nach dem ersten Eindruck beurteile und ohne Prüfung seinen Gefallen oder
Missfallen daran zu erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der
gerührt und unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der
Schauspieler dagegen soll von dem Stücke und von den Ursachen seines Lobes und
Tadels Rechenschaft geben können, und wie will er das, wenn er nicht in den Sinn
seines Autors, wenn er nicht in die Absichten desselben einzudringen versteht?
Ich habe den Fehler, ein Stück aus einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an
sich und nicht im Zusammenhange mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in
diesen Tagen so lebhaft bemerkt, dass ich euch das Beispiel erzählen will, wenn
ihr mir ein geneigtes Gehör gönnen wollt.
    Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen Hamlet aus einer Vorlesung, die
euch schon auf dem Schloss das größte Vergnügen machte. Wir setzten uns vor,
das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen, was ich tat, die Rolle des
Prinzen übernommen; ich glaubte sie zu studieren, indem ich anfing, die
stärksten Stellen, die Selbstgespräche und jene Auftritte zu memorieren, in
denen Kraft der Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum
haben, wo das bewegte Gemüt sich in einem gefühlvollen Ausdrucke zeigen kann.
    Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen wenn ich die Last
der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nähme und unter diesem Druck
meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth so mancher Launen und
Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte ich, und so übte ich mich und
glaubte nach und nach mit meinem Helden zu einer Person zu werden.
    Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des
Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer Übersicht zu gelangen.
Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge durch, und auch da wollte
mir leider manches nicht passen. Bald schienen sich die Charaktere, bald der
Ausdruck zu widersprechen, und ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in
welchem ich meine ganze Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen
vortragen könnte. In diesen Irrgängen bemühte ich mich lange vergebens, bis ich
mich endlich auf einem ganz besonderen Wege meinem Ziele zu nähern hoffte.
    Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in früher Zeit
vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig von dieser
traurigen Begebenheit, unabhängig von den nachfolgenden schrecklichen
Ereignissen dieser interessante Jüngling gewesen war, und was er ohne sie
vielleicht geworden wäre.
    Zart und edel entsprossen, wuchs die königliche Blume unter den
unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor; der Begriff des Rechts und der
fürstlichen
