 eben sogleich«, versetzte Wilhelm. »Ich habe gesehen, solange einer
lebt und sich rührt, findet er immer seine Nahrung, und wenn sie auch gleich
nicht die reichlichste ist. Und worüber habt ihr euch denn zu beschweren? Sind
wir nicht ganz unvermutet, eben da es mit uns am schlimmsten aussah, gut
aufgenommen und bewirtet worden? Und jetzt, da es uns noch an nichts gebricht,
fällt es uns denn ein, etwas zu unserer Übung zu tun und nur einigermaßen weiter
zu streben? Wir treiben fremde Dinge und entfernen, den Schulkindern ähnlich,
alles, was uns nur an unsre Lektion erinnern könnte.«
    »Wahrhaftig«, sagte Philine, »es ist unverantwortlich! Lasst uns ein Stück
wählen; wir wollen es auf der Stelle spielen. Jeder muss sein möglichstes tun,
als wenn er vor dem größten Auditorium stünde.«
    Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. Es war eines derer, die
damals in Deutschland großen Beifall fanden und nun verschollen sind. Einige
pfiffen eine Symphonie, jeder besann sich schnell auf seine Rolle, man fing an
und spielte mit der größten Aufmerksamkeit das Stück durch, und wirklich über
Erwartung gut. Man applaudierte sich wechselseitig; man hatte sich selten so
wohl gehalten.
    Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes Vergnügen, teils
über ihre wohlzugebrachte Zeit, teils weil jeder besonders mit sich zufrieden
sein konnte. Wilhelm ließ sich weitläufig zu ihrem Lobe heraus, und ihre
Unterhaltung war heiter und fröhlich.
    »Ihr solltet sehen«, rief unser Freund, »wie weit wir kommen müssten, wenn
wir unsere Übungen auf diese Art fortsetzten und nicht bloß auf Auswendiglernen,
Probieren und Spielen uns mechanisch pflicht- und handwerksmässig einschränkten.
Wieviel mehr Lob verdienen die Tonkünstler, wie sehr ergetzen sie sich, wie
genau sind sie, wenn sie gemeinschaftlich ihre Übungen vornehmen! Wie sind sie
bemüht, ihre Instrumente Übereinzustimmen, wie genau halten sie Takt, wie zart
wissen sie die Stärke und Schwäche des Tons auszudrücken! Keinem fällt es ein,
sich bei dem Solo eines andern durch ein vorlautes Akkompagnieren Ehre zu
machen. Jeder sucht in dem Geist und Sinne des Komponisten zu spielen, und jeder
das, was ihm aufgetragen ist, es mag viel oder wenig sein, gut auszudrücken.
Sollten wir nicht ebenso genau und ebenso geistreich zu Werke gehen, da wir eine
Kunst treiben, die noch viel zarter als jede Art von Musik ist, da wir die
gewöhnlichsten und seltensten Äußerungen der Menschheit geschmackvoll und
ergetzend darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher sein, als in den
Proben zu sudeln und sich bei der Vorstellung auf die Laune und gut Glück zu
verlassen? Wir sollten unser größtes Glück und Vergnügen darein setzen
