 der Mittelpunkt, um den und um deswillen sich alles
drehe und bewege.
    Wilhelm allein bemerkte zu seinem großen Verdrusse gerade das Gegenteil.
Denn obgleich der Prinz die ersten Vorstellungen von Anfange bis zu Ende, auf
seinem Sessel sitzend, mit der größten Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien
er sich doch nach und nach auf eine gute Weise davon zu dispensieren. Gerade
diejenigen, welche Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten gefunden hatte,
Jarno an ihrer Spitze, brachten nur flüchtige Augenblicke im Teatersaale zu,
übrigens saßen sie im Vorzimmer, spielten oder schienen sich von Geschäften zu
unterhalten.
    Wilhelmen verdross gar sehr, bei seinen anhaltenden Bemühungen des
erwünschtesten Beifalls zu entbehren. Bei der Auswahl der Stücke, der Abschrift
der Rollen, den häufigen Proben, und was sonst nur immer vorkommen konnte, ging
er Melinan eifrig zur Hand, der ihn denn auch, seine eigene Unzulänglichkeit im
stillen fühlend, zuletzt gewähren ließ. Die Rollen memorierte Wilhelm mit Fleiß
und trug sie mit Wärme und Lebhaftigkeit und mit so viel Anstand vor, als die
wenige Bildung erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte.
    Die fortgesetzte Teilnahme des Barons benahm indes der übrigen Gesellschaft
jeden Zweifel, indem er sie versicherte, dass sie die größten Effekte
hervorbringe, besonders indem sie eins seiner eigenen Stücke aufführte, nur
bedauerte er, dass der Prinz eine ausschliessliche Neigung für das französische
Theater habe, dass ein Teil seiner Leute hingegen, worunter sich Jarno besonders
auszeichnete, den Ungeheuern der englischen Bühne einen leidenschaftlichen
Vorzug gebe.
    War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das beste
bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den Zuschauern und
Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben schon oben angezeigt, dass
die Schauspielerinnen gleich von Anfang die Aufmerksamkeit junger Offiziere
erregten; allein sie waren in der Folge glücklicher und machten wichtigere
Eroberungen. Doch wir schweigen davon und bemerken nur, dass Wilhelm der Gräfin
von Tag zu Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung
gegen sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die Augen
nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie gerichtet zu
spielen und zu rezitieren. Sich wechselseitig anzusehen, war ihnen ein
unaussprechliches Vergnügen, dem sich ihre harmlosen Seelen ganz überließen,
ohne lebhaftere Wunsche zu nähren oder für irgendeine Folge besorgt zu sein.
    Wie über einen Fluss hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche Vorposten
sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in
welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so wechselte die Gräfin mit
Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes
hinüber, und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen Empfindungen
nachhängen zu dürfen.
    Die Baronesse hatte sich
