 Ruhm arbeiten konnte, war
das, der Verführer von Verführerinnen zu sein.
    Man erlaube mir, eine scharfsinnige Bemerkung zu machen. Der Unterschied
zwischen Lovelace und dem Chevalier ist der moralische Unterschied zwischen den
Nationen und Jahrzehenden von beiden. Der Chevalier ist mit einer solchen
philosophischen Kälte ein Teufel, dass er bloß unter die Klopstockschen Teufel
gehört, die nie zu bekehren sind. Lovelace hingegen ist ein ganz anderer Mann,
bloß ein eitler Alcibiades, der durch einen Staats- oder Ehe-Posten halb zu
bessern wäre. Sogar dann, wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende,
kämpfende, weinende, kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Hölle zu
nähern scheint, mildert er seine gleissende Schwärze durch einen Kunstgriff, der
seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die größte Ehre macht und
welcher der ist, - dass er, um seine Unerbittlichkeit zu beschönigen, den
wirklichen Gegenstand des Mitleidens, die kniende etc. Klarisse, für ein
teatralisches, malerisches Kunstwerk ansieht und, um nicht gerührt zu werden,
nur die Schönheit, nicht die Bitterkeit ihrer Tränen, nur die malerische, nicht
die jammernde Stellung bemerken will. Auf diesem Wege kann man sich gern gegen
alles verhärten; daher schöne Geister, Maler und ihre Kenner bloß oft darum für
das wirkliche Unglück keine oder zu viele Tränen haben, weil sie es für
artistisches halten.
    Ich muss aber schneller zum Festtage der Residentin eilen, dessen Gewebe
unsern Gustav mit Fäden so vieler Art berührt und ankittet.
    Er brachte mit dem größten Vergnügen seine Rolle im Drama, wovon noch viel
wird gesprochen werden, seinem Gedächtnis bei und wünschte nichts, als er könnte
sie noch nicht auswendig. Beata macht' es auch mit der ihrigen so: der Grund
war, ihre Rollen waren auf dem Theater aneinander gerichtet, mithin waren es
jetzt ihre Gedanken auch; und für die scheue Beata war es besonders süß, dass sie
zarte Gedanken der Liebe für ihn, die sie kaum zu haben und nicht zu äußern
wagte, mit gutem Gewissen memorieren konnte. Um nicht immer an ihn zu denken,
zerstreuete sie sich oft durch das Geschäft des Auswendiglernens der besagten
Rolle. Gute Seele! suche dich immer zu täuschen; es ist besser, es zu wollen,
als garnichts danach zu fragen! - Ihr Adoptiv-Bruder konnte bisher durchaus
kein Mittel finden, ihr zu begegnen; die Residentin hatte ihn und dadurch dieses
Mittel über den russischen Sektor und Torso vergessen; er selber hatte nicht
Zudringlichkeit genug, noch weniger den Anstand, der sie schön und pikant macht
- bis ihm Herr von Oefel mit einer feinen Miene sagte, die Residentin woll' ihm
einige Gemälde, die der Knäse dagelassen, zu sehen geben. »Ich wollt' ohnehin
schon
