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                            Römische Kaiserhistorie
an die Reihe. Gleichviel! waren die Menschen nicht von jeher einander ähnlich? -
Der Hofmeister bat für Romulus und Remus um geneigtes Gehör, es ward
abgeschlagen, und nur nach so vielen Missgriffen sah er denn endlich ein, wovon
er, ohne Oedip zu sein, sich gleich anfänglich hätte überzeugen können, dass der
Ritter (nach Art gewisser Leute, die nichts achten, was sich nicht mit einer
Pointe endet) bei jedem Teile der Geschichte seinen Herrn Sohn in freiherrliche
Situationen setzen wollte. Je mehr nun dieser oder jener Teil der Geschichte
dazu Stoff enthielt, je früher sollte sie, des Eindrucks halber, den man (nach
der Instruktion) in den ersten Jahren am sichersten bewirken kann, der
Gegenstand des Unterrichts sein. Tote Fliegen, sagte der Ritter, verderben das
köstlichste Salböl. - Mag! dachte der Hofmeister; ich will bloß die Nester voll
Eier ausbrüten, die mir überliefert werden. - In der römischen Geschichte war es
sehr mit auf die Christenverfolgungen gemünzt, die der Hofmeister nach allen
Kräften einwässerte. Es kostete ihm wenige Mühe; zu den bekannten
                                     §. 28.
                                zehn Verfolgungen
noch einige andere kritisch beizufügen, wozu er z.B. den Kindermord zu Bethlehem
rechnete, welches unser Ritter in besonderen Gnaden vermerkte. So erfinderisch
unser angehender Geistlicher in Rücksicht der Verfolgungen schien, so schwach
war er in der
                                     §. 29.
                                        
                                   Heraldik,
die ihn noch mehr als die Türkengeschichte, ängstigte. Doch, wollte er wohl oder
übel, er musste dieser brodlosen Kunst Zeit und Raum gönnen, um, wenn vom
Ursprunge der Wappen, deren Eigenschaften und den Regeln, die beim Aufriss und
bei der Anfertigung, Visirung und Auslegung eines Wappens erforderlich sind, die
Rede war, nicht länger wie jetzt ein Stillschweigen der Unwissenheit beobachten
zu dürfen, welches sich vom Stillschweigen der Weisheit etwa wie schleichen von
behutsam wandeln unterscheidet. In kurzer Zeit konnte er den Ritter auf einen
heraldischen Zweikampf herausfordern; und da er sein Studium in der Stille
getrieben hatte, so erschrak der Ritter nicht wenig, als er, anstatt den
Wappenunterredungen auszuweichen, sie selbst auf freiem Felde aufsuchte. Wappen
sind Aushängeschilde, fing er an. »Halt! sagte der Ritter; der Begriff muss
veredelt werden. Ich leite die Genealogie dieses Namens von den Waffen ab; diese
Unterscheidungszeichen führte man anfänglich auf Schild und Helm!« - Der
Hofmeister würde sein Schild gewiss noch nicht so bald eingezogen haben, wenn
sich nicht die gnädige Frau in dieses Gespräch gemischt und ihm, der heute zum
erstenmal seine heraldischen Ikarus-Flügel versuchte, zu verstehen gegeben
hätte, dass, wenn gleich jedes Handwerk einen goldnen Boden habe, der Schuster
doch wohl tue, bei seinem Leisten
