 besten classischen
Schriftsteller mit Geschmack, Gefühl und Nutzen zu lesen.
    Dem guten Förster Dornbusch ging plötzlich ein Licht auf, als er diesen
Artikel in der Zeitung las. Es hatte seine Richtigkeit, dass Gretchen von den
hier verzeichneten schönen Sachen noch wenig oder gar nichts verstand; Da nun
diese Kenntnisse, wie es doch offenbar gedruckt da zu lesen war, einem wohl
erzognen Frauenzimmer unentbehrlich waren, Gretchen aber, es koste was es wolle,
ein wohl erzognes Frauenzimmer werden sollte, entschloss er sich kurz und gut,
seine Nichte nach Gosslar zu bringen; Ehren Schottenius äußerte einige Zweifel,
meinte, man müsse sich wohl zuvor genauer nach diesen Leuten erkundigen; allein
bei Menschen von des ehrlichen Dornbusch' Kultur hat das, was gedruckt ist, ein
großes Gewicht; Sein ganzer Glaube an erhabnere Wahrheiten beruhete auf keinem
viel dauerhaftern Grunde; also blieb es bei dem Vorsatze und die Nichte wurde
nach Gosslar gefahren.
    Jetzt muss ich die Leser ein wenig genauer mit dem Herrn Deckelschall und
seiner Frau Gemahlin bekanntmachen. Er war auf Universitäten gewesen, mithin
ein Gelehrter; Nur auf solche langweiligen Dinge, die man Brod-Wissenschaften
nennt, hatte er nicht Lust gehabt sich zu legen, und da man ohne diese in der
bürgerlichen Gesellschaft nicht fortkömmt; war er auf alle Einrichtungen in der
jetzigen Welt und auf alle Staats-Verfassungen nicht wohl zu sprechen. Nach
manchen vereitelten Versuchen, dennoch irgend ein Ämtchen zu erwischen (welches
ihn denn ohne Zweifel mit den Regierungen versöhnt haben würde), beschloss er
endlich, Hofmeister junger Herrn zu werden. Er brachte ein Paar Grafen-Söhne,
die man ihm anvertrauete, so weit, dass der Eine, dem er, wie er es für Pflicht
hielt, seinen Ekel gegen allen bürgerlichen Zwang und alle wissenschaftliche
Pedanterei mitgeteilt hatte, durchaus keinem Fürsten dienen wollte, sondern,
zum größten Kummer seines nicht so aufgeklärten Vaters, in seinem zwanzigsten
Jahre als Musen-Almanachs-Dichter und Musik-Liebhaber privatisirte; Der Andre
aber, den er, um ihm den Adelstolz aus dem Kopfe zu bringen, überzeugt hatte,
dass aller Unterschied der Stände eine Grille wäre, aus seiner Eltern Hause nebst
dem Garderoben-Mädchen davonlief und auf einem großen transportablen
National-Theater in den Rollen des Licentiaten Frank und des goldonischen
Lügners den Schneidern und Schustern in Speier, Worms und den benachbarten
Städten ungemein gefiel.
    In einem von diesen Häusern wurde Herr Deckelschall mit seiner jetzigen
Ehefrau bekannt. - - Sie war Gesellschafterinn und Vorleserinn der Frau Gräfin.
Ihre Herzen sympatisirten; Herr Deckelschall spielte ein wenig Klavier; sie
sang ein wenig. - Was bedarf es mehr, um vereint mit einander glücklich zu
leben? An baarem Vermögen fehlte es freilich Beiden; sie besaß jedoch
