 hatte, und es gab wenig Gegenstände unter dem Monde und wenig
Wahrheiten und Vermutungen, über welche er nicht in diesen Kanzel-Reden
Gelegenheit genommen hätte, seine unmassgebliche Meinung zu sagen. Ehren
Schottenius war in der Tat ein aufgeklärter Geistlicher - Es gibt böse
Menschen, welche behaupten, das sei eine contradictio in adjecto, oder vielmehr,
ein Prediger handle sehr inconsequent, wenn er die Aufklärung befördre; allein
unser Herr Pastor wiederlegte durch sein Beispiel diese Ketzerei. Nur müssen wir
uns über den richtigen Begriff des Worts Aufklärung verstehen. Er war kein Mann,
der das Gegenteil von dem glaubte und lehrte, als worauf er geschworen hatte
und wofür er sich besolden ließ. Er nahm nicht das Lämpchen der Aufklärung in
die Hand, um in dem Altertums-Kabinette speculativer Raritäten und dogmatischer
Geheimnisse aufzuräumen; sondern er verwaltete die ihm über diesen Schatz
anvertrauete Aufsicht, nach Anweisung seiner Obern und so, wie die mehrsten
Bibliotekare in und außer Klöstern die Aufsicht über die Sammlungen seltener
Handschriften zu führen pflegen; denn er bewahrte sie vor nagenden Mäusen und
vor verbleichenden Sonnenstrahlen, rührte jedoch nicht anders daran, als wenn er
an hohen Festtagen einmal den Staub davon abkehren musste, damit man doch den
besuchenden Fremden zeigen könnte, dass sie noch da wären. Seine Aufklärung aber
bestand darin, dass er nicht alle andren menschlichen Kenntnisse auf den
einzigen Stamm der Ortodoxie propfen wollte, sondern mit Vergnügen von neuen
Entdeckungen in allen Gebieten der Wissenschaften und Künste reden hörte, ohne
sich darum zu bekümmern, ob der Schlüssel dazu schon in den mosaischen
Geschichtsbüchern zu finden wäre, oder nicht. Er empfahl in seinen Predigten,
neben der reinsten christlichen Moral, eine edle Wissbegierde und Empfänglichkeit
für alles nützliche Gute und rief oft mit Paulus aus: »prüfet alles, und das
Gute behaltet!« Diese vernünftige Stimmung hatte er dadurch erlangt, dass er
einige Jahre in dem Hause eines Edelmannes in Halberstadt als Kinderlehrer
zugebracht, und dort Gelegenheit gehabt hatte, mit Männern von großen Einsichten
umzugehn. Freilich hatte er sich nachher auf dem Lande wieder, wie man zu sagen
pflegt, ein wenig verlegen; aber immer noch unterschied er sich vorteilhaft
unter seinen Amtsbrüdern weit umher. Allein die innere Überzeugung dieses
Vorzugs gab ihm auch wohl zuweilen eine etwas zu hohe Meinung von sich selber,
so dass er niemand lieber reden hörte, als den Pastor Schottenius; und man hätte
versucht werden mögen, zu glauben, er habe nur den seinem Stande sonst
vorgeworfenen geistlichen Hochmut gegen eine Art gelehrtem Stolze vertauscht.
Diese Meinung könnte uns nun bewegen, einige scharfsinnige Bemerkungen über die
Quellen mancher menschlichen Tugenden zu machen. Wir würden dann zum Beispiel
finden, dass, wenn mancher große Mann durch seine Popularität und Herablassung
gegen kleine Leute sich
