 Frankreich war also der Teil des Geschwürs, der
zu seiner ganzen Reife gelangt war und der daher zuerst aufbrechen oder
durchgestochen werden musste. Statt darüber zu jammern, sollten wir uns freuen,
wir andern Europäer, dass nicht zuerst uns die Reihe getroffen, dass wir, wenn wir
es nur recht anfangen, uns den Schmerz einer ähnlichen Operation ersparen und
durch zerteilende Mittel die materia peccans fortschaffen können. Das Beispiel
unsrer Nachbarn kann für Regenten und Volk heilsam werden. Jene mögen sich daran
spiegeln und gewahr werden, was der große Haufen vermag, wenn man ihn aufs
äußerste treibt, und wie wenig die alten Quacksalbereien gegen ein so
eingewurzeltes Übel wirken; das Volk aber mag durch den Anblick aller Greuel der
Anarchie bewogen werden, sich zu keinen übereilten Schritten verleiten zu
lassen, nicht, ohne die äußerste Not, zu gewaltsamen Mitteln zu schreiten und
einen leidlichen Zustand von konventioneller Ruhe und Glückseligkeit nicht gegen
die ungewissen Folgen einer gänzlichen Umstürzung auf das Spiel zu setzen!
    Also ist es nicht die französische Revolution, welche den Ton von
Unzufriedenheit unter den übrigen Völkern anstimmt, sondern umgekehrt, die
allgemeine Unzufriedenheit ist zuerst in Frankreich ausgebrochen. Auch sind es
nicht die Schriftsteller, die sogenannten Aufklärer und Apostel der Freiheit,
nach denen Hoffmann, elenden und jämmerlichen Andenkens, mit Gassenkot wirft,
diese Schriftsteller sind es nicht, welche Aufruhr erwecken; sondern die
allgemeine Stimme des Volks ist es, die durch diese Schriftsteller redet. Noch
nie haben Bücherschreiber große Weltbegebenheiten bewirkt, sondern die
veränderte Ordnung der Dinge wirkt im Gegenteil auf den Geist der
Bücherschreiber. Jeder fühlt dann dunkel das Bedürfnis zu reden, bis einer
endlich den Mund öffnet. Und wäre er es nicht, so würde es ein andrer sein. - Es
ist aber Wohltat, dass dergleichen zur Sprache komme und von allen Seiten
beleuchtet werde, weil es noch Zeit ist. Geht die Tat vor dem Räsonnement her,
so ist das Übel unendlich größer. Luther hat die Reformation bewirkt; aber was
für eine Reformation? Eine solche, die nicht ausbleiben konnte, wovon das
Bedürfnis in allen christlichen Staaten gefühlt wurde. Ohne dies allgemeine
Bedürfnis würde sein Toben und Wirken ohne Nutzen und ohne Schaden geblieben
sein. Man würde ihn wie einen Schwärmer behandelt und seinen Reformationsplan,
zugleich mit jenes französischen Abts Vorschlägen zu einem ewigen Frieden,
belächelt haben.
    Wollt ihr aber wissen, welche Schriftsteller das Volk zum Aufruhre reizen
könnten? Solche Skribler, solche Schmeichler wie Hoffmann3 und seinesgleichen,
die sind es, welche, indem sie gegen die gesunde Vernunft und den freien
Untersuchungsgeist zu Felde ziehen, jedem bessern Manne, der noch gern
geschwiegen hätte, den Mund öffnen. Sie missleiten und verblenden schwache
Fürsten, die sonst im Begriffe sind, über ihre missliche
