 von Aufklärung hatte reden gehört und wo ein
bisschen schöne Künste, Wissenschaften und Deismus getrieben wurde. Seine
teoretische und praktische Moral war nicht die strengste; ein großer Geist war
er übrigens auch nicht, wenigstens nicht halb sosehr, als er glaubte und die
Schmeichler ihm sagten, dass er es sei; sich aber einen Namen unter den Monarchen
zu machen, das steckte ihm sehr im Kopfe, und diese Stimmung nützte mein Herr
Vetter, Joseph Wurmbrand, um ihn zu bewegen, das Aufklärungswesen in Abyssinien
mit großem Eifer nach europäischer Weise zu treiben.
    »Die Pfaffen, sowohl die unsrigen als die katholischen, haben meine
Untertanen in der Dummheit erhalten«, sagte der große Negus zu meinem Herrn
Vetter. »Freilich sehe ich wohl ein«, fuhr er fort, »dass es zuviel verlangt
wäre, wenn ich fordern wollte, dass jemand in meinem Reiche so weise sein sollte
als ich; allein es macht doch einen Staat blühend und eine Regierung berühmt,
wenn Wissenschaften und Künste im Lande getrieben werden. Die Abyssinier aber,
die wenigen ausgenommen, die sich an meinem Hofe gebildet haben, sind noch sehr
weit zurück. Es ist mir daher sehr lieb, dass du gekommen bist; du scheinst ein
Mann zu sein, den ich brauchen kann. Du sollst mir helfen hier alles auf
europäischen Fuß setzen. Schaffe mir Leute, die dich in diesem Geschäfte
unterstützen können, Bücher, Maschinen und dergleichen aus deinem Vaterlande.
Zugleich wollen wir neue Verbindungen mit andern Nationen knüpfen und die alten
erneuern. Ich erwarte über dies ganze Werk deinen Plan, den ich prüfen und
berichtigen will.«
    Diesen Plan nun arbeitete Herr Wurmband aus; mein Ruf, nach Abyssinien zu
kommen, und was ich mit dahin bringen musste, und meine Gesandtschaft in Nubien,
das alles war mit in diesem gnädigst approbierten Plan enthalten; indes aber war
auch mein Herr Vetter nicht untätig gewesen, und als ich nach Gondar kam, fand
ich, wie schon gesagt, sehr vieles nach europäischer Manier eingerichtet.
 
                              Funfzehntes Kapitel
        Des Herrn Wurmbrands erste Anstalten zur Aufklärung Abyssiniens
Als mein Herr Vetter seinen Aufklärungsplan ausgearbeitet hatte, überreichte er
ihn Sr. Majestät, die ihn sich vorlesen ließ und dann über die einzelnen Teile
desselben mit dem Verfasser redeten.
    Mit einer prächtigen Lobrede auf die Aufklärung hatte Herr Wurmbrand
angefangen. »Derjenige Monarch«, hieß es darin, »ist der größte und mächtigste,
welcher den weisesten Menschen Gesetze vorschreibt; nur ein Tyrann kann
wünschen, über eine Horde unwissender Menschen zu herrschen; aber auch der
Tyrann bedarf, da er doch nicht hundert Augen, Ohren, Hände und Köpfe hat,
wenigstens einiger vernünftigen, gebildeten Menschen, durch deren Hilfe er den
großen Haufen in Ordnung hält;
