 Ehre daraus, an Leib und Seele kränklich zu scheinen.
Männliche, ernste Beredsamkeit verwandelte sich in zierlichen, schallenden
Wortprunk; die schönen Künste arbeiteten nur zu dem Zwecke, die Nerven zu
kitzeln; die Dichter feuerten nicht mehr durch erhabene, geistreiche Gesänge zu
großen Taten an, sondern sangen im Posaunenton das Lob der Großen und Reichen,
beleierten unwichtige, kleine Gegenstände oder erhitzen durch üppige Bilder die
Einbildungskraft feuriger Jünglinge und geiler Schwelger; und als auch dies
Gewürz den Gaumen nicht mehr kitzelte, suchte man durch Darstellung
riesenmässiger Zauberszenen und schändlicher Greuel die verwöhnten, immer nach
unerwarteten Eindrücken schnappenden Herzen aufzurühren. Eine natürliche,
gesangvolle Melodie ermüdete die Ohren; man forderte ein Gewühl von Tönen. Ein
einfacher Plan, kunstlos, mit Wahrheit und Würde ausgeführt, machte Langeweile;
man forderte Verwicklung, Überspannung, buntes Guckkastenspiel.
 
                                Zwölftes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Dahin war es in allen Klassen der Bürger in den Städten gekommen, indes das
Landvolk zum Teil noch unverderbt war, als ein neuer Einfall der Nubier in das
abyssinische Land den großen Negus zwang, in Eil ein Kriegsheer
zusammenzubringen; allein jetzt war dies mit mehr Schwierigkeiten verknüpft als
in den goldnen älteren Zeiten, wo jeder Abyssinier, voll Wärme für das Wohl des
Ganzen und für die Ehre der Nation, zu Rettung des Vaterlandes herbeieilte. Es
fanden sich soviel Ausflüchte, um nicht ins Feld zu gehen; notwendige Geschäfte
zu Hause, Kränklichkeit des Körpers etc. Zu einem üppigen, weichlichen Leben
gewöhnt, erschütterte der Gedanke an die Beschwerlichkeiten des Kriegs und die
Gefahr des Todes besonders den Adel und die Städtebewohner so sehr, dass unter
zehn nicht einer mitwollte. - Ja, Mord und Totschlag auf dem Theater zu sehen,
das ist recht unterhaltend, und man meint, das zeige Stärke und Mut an, den
Anblick solcher fürchterlichen Szenen ertragen zu können; aber in natura - nein,
das ist nichts!
    Nun, endlich kam denn eine Art von Armee zustande; allein da ging es wieder
an ein Kabalieren um die Anführerstellen. Dass die adeligen Herren allein sich in
den Besitz derselben setzen wollten, verstand sich von selber; aber auch unter
diesen gönnte keiner dem andern die Oberbefehlshaberrolle. - Die gesunden,
nervigen Landleute verachteten ihre weichlichen, feigen Anführer, welche ganze
Serails von Metzen, ganze Warenlager voll starker Getränke, einen unzählbaren
Tross von unnützen Bedienten, Fuhrwerken, Tragsesseln, Lastvieh, Küchengeräte,
Lebensmittel, Garderoben und Toiletten mit sich herumschleppten. Man gehorchte
also solchen weibischen Anführern teils gar nicht, teils ungern. Diese Elenden
hingegen waren immer unter sich durch Neid getrennt, wollten keiner dem andern
den Sieg gönnen, hatten auch überhaupt nicht viel Lust zu entscheidenden
Schlachten. - Aber focht denn nicht der König an ihrer Spitze,
