 kamen in Verachtung und Abnahme und die glänzendere, verzehrende Klasse
in Flor. Da jetzt auch sehr viel mittelmäßige und schiefe Köpfe sich in die
Studien warfen, so verlor man nach und nach die Idee, dass ein Mann, der sich
einen Gelehrten nennte, gründliche Kenntnisse in seinem Fache haben müsste; und
so erntete denn oft der unwissende Schwätzer und Windbeutel den Preis ein, zog
die Vorteile, die dem wahren Verdienste gebührten. Die Menge der jungen
Gelehrten, die sich zu den öffentlichen Ämtern drängten, war so groß, dass, um
auf der Versorgungsliste in die Reihe zu kommen, man früher anfangen musste, als
der Verstand reif war, und ein Vater, um noch in seinem Alter die Freude zu
erleben, seinen Sohn in einer Bedienung zu sehen, sich gezwungen sah, ihn ohne
Vorkenntnisse auf Universitäten zu schicken und beinahe ebenso unwissend von da
zurück in ein Amt zu rufen. Daraus entstand dann eine stillschweigende
Konvention, keine gründliche Kenntnis in einzelnen Fächern zu fordern, sich mit
oberflächlichem Wortkram zu begnügen, aber dagegen auch in allen Zweigen der
Gelehrsamkeit herumzupfuschen. - Doch ich habe ja schon den größten Teil dieser
Verkehrteiten beschrieben, als ich von dem Zustande der Wissenschaften bei
meiner ersten Ankunft in Gondar redete, und füge also nur hinzu, dass dies alles
im höchsten Grade zugenommen hatte, seitdem die Regierung die sogenannten
Gelehrten und Künstler vorzüglich zu unterstützen, Aufklärung zu befördern,
Akademien, Buchdruckereien und Buchläden anzulegen und Pressfreiheit einzuführen
anfing.
    Nun wetteiferten die Bücherschreiber in Abyssinien miteinander um den Preis,
wer die größte Menge von Geistesprodukten liefern könnte, um die Wut aller
Stände nach täglich neuer Lectur zu stillen. Man kann sich wohl einbilden, was
für Zeug dann zum Vorschein kam; allein die unbeschreibliche Veränderlichkeit
der literarischen Moden, die eine sichere Folge des Mangels an gründlichen
Kenntnissen und an echtem Geschmacke ist, bewirkte gewisse Perioden, wovon ich
doch einige namhaft machen will.
    Am fruchtbarsten waren die Romanschreiber. Anfangs nannte man einen Roman
ein Buch, in welchem die Sitten guter und böser Menschen aus verschiedenen
Ständen so, wie sie in der wirklichen Welt beschaffen zu sein pflegen, durch
Erzählung und lebhafte Darstellung ihres Betragens in erdichteten, aber
wahrscheinlichen, doch nicht immer alltäglichen Begebenheiten zum Beispiele, zur
Warnung und überhaupt zu Vermehrung der Menschenkenntnis geschildert wurden. -
Und so war dann ein Roman ein nützliches Buch für junge Leute, die in die große
Welt treten wollten und noch unbekannt waren in dem, was die Menschen, mit allen
ihren Leidenschaften und Torheiten, in derselben treiben, wirken, wünschen und
begehren. Allein bald waren ihnen die gewöhnlichen, wirklichen oder möglichen
Begebenheiten zu gemein und die mit Wahrheit dargestellten Menschen zu
alltäglich. Da schafften die Herren Romanschreiber für ihr Publikum
