
Langeweile machen und dem höchsten Wesen, wenn es sich herabliesse, dies Unwesen
zu beschauen, äußerst missfällig sein müssten. Nun besuche man aber einmal eure
protestantischen Kirchen, besonders auf dem Lande, und erstaune über die
Verkehrtheit der Menschen! In dem geschmacklosesten, feuchtesten, kältesten und
schmutzigsten Gebäude des ganzen Städtchens oder Dorfs versammelt sich das Volk
beiderlei Geschlechts und setzt sich, teils wie in den Schulen auf Bänken, teils
in kleinen hölzernen Kasten, den Tollhauskojen gleich, teils auf andern
erkauften oder nicht erkauften Plätzen, in groteskem Anputze hin. Dann beginnt
ein Gesang, dessen Poesie oft platt und komisch, die Musik abscheulich und die
Begleitung einer verstimmten Orgel unerträglich ist. Ein Schulmeister gibt mit
grässlich verzerrtem Gesichte die Melodie an und wiederholt durch die Nase die
letzten Worte jedes Verses. Einige hundert unmusikalische Menschen brüllen aus
Leibeskräften mit. Und solcher Gesänge muss man vielleicht sechs in einer Sitzung
hören. Wollt ihr durchaus Musik geben, so gebet gute Musik! Soll gesungen
werden, so lasset doch Menschen singen, die singen können! Zwischendurch werden
von einem Manne in einer großen Perücke, in heulendem Tone, Stellen aus der
Bibel verlesen; es werden Gebete gesprochen, die jedermann auswendig weiß. Dann
tritt der Geistliche in einen kleinen, erhaben gestellten Kasten und hält eine
Rede, die nur auf den Gemütszustand weniger Zuhörer passt. Hierauf geht das
Gebrülle noch einmal an, und am Ende spielt der Organist ein lustiges Stückchen,
worauf die Versammlung, wovon die Hälfte geschlafen hat, im Winter durch und
durch gefroren, im Sommer von den Dünsten fast erstickt ist, auseinandergeht. -
Und das soll ein dem erhabensten Wesen gefälliger, zu wahrer Andacht erweckender
Gottesdienst sein? Versammelt euch doch lieber in einfach verzierten, reinlichen
Gebäuden, wo gesunde, gemässigte Luft herrscht! Lasst vier Menschen, die gute
Stimmen haben und musikalisch sind, kurze, erhabene Hymnen singen! Euer Priester
trete in einem anständigen und geschmackvollen Gewände auf und bete aus der
Seele! Fallet auf eure Knie und betet ihm in der Stille nach! Lasst ihn eine
kurze Rede in kunstloser, aber warmer Herzenssprache über die Schönheiten der
Natur und die Herrlichkeiten der Schöpfung halten! Das Ganze daure nicht zu
lange und komme nicht zu oft, damit ihr mit Vergnügen und Wonne die Tempel
besuchet und in froher, heiterer Stimmung wieder herausgehet!«
    Ich glaubte, dass Manim recht hatte; aber was ist zu tun? Einzelne Fürsten,
besonders die Regenten kleinerer Staaten, könnten freilich nach und nach, mit
Vorsicht und ohne das gegen jede Neuerung eingenommene Volk zu empören,
zweckmässige Verbesserungen in der Liturgie einführen, und so würde der Nachbar
dem Beispiele folgen; eine allgemeine Veranstaltung dieser Art von s aller
protestantischen Fürsten hingegen ist wohl weder
