 Dichterlebens und die Schande, von den Großen
der Erde Pensionen anzunehmen, und einer von ihnen warf mir gar in der Nacht die
Fenster ein.
    Ich wollte Leipzig nicht verlassen, ohne einen Mann kennenzulernen, der
damals dort war und der mir ebenso merkwürdig wegen seines edelen Herzens als
wegen der unverkennbaren großen Verdienste um die deutsche Literatur schien.
Auch ein Buchhändler, aber nicht von gemeinem Schlage; ein Mann, der Studium,
Geschmack, echte Philosophie und unbestechbaren Eifer für Wahrheit in gleich
hohem Grade besitzt; ich meine Nicolai, der nun seit einer langen Reihe von
Jahren, mit den besten Köpfen Deutschlands in Verbindung, vernünftige und
gründliche Kritik in ihrer Würde zu erhalten sucht und den falschen Geschmack
und die jedesmaligen Torheiten des Zeitalters mutig bekämpft. Ich hatte das
Glück, mich ein paar Stunden lang mit ihm zu meiner Belehrung zu unterhalten.
Wirklich bedurfte ich dieser Belehrung, denn ich war gar nicht mehr zu Hause in
der deutschen Literatur. Als ich mein Vaterland verlassen hatte, warf man unsern
Gelehrten mit Recht Pedanterei vor; jetzt hatte man Ursache, gegen den allgemein
einreissenden Mangel an Gründlichkeit und Anordnung in Gedanken und Vortrag zu
eifern.
    Um den ersten Transport von Gelehrten und Künstlern, die ich nach Abyssinien
schicken sollte, vollständig zu machen, fehlten mir noch einige Tonkünstler;
auch hierzu hoffte ich in Leipzig Gelegenheit zu finden. Es gaben sich viel
Leute bei mir an; aber soll ich meinen altväterischen verdorbnen Geschmack
anklagen, oder waren die Künstler daran schuld? Genug! keiner von diesen Herren
wirkte mit seiner Musik auf mein Herz. Derjenige, welcher als Kapellmeister
angenommen zu werden verlangte, spielte mir auf dem Klavier etwas von seiner
eignen Komposition vor und phantasierte nachher noch ein Stündchen; allein ich
hörte nichts als ein verwirrtes Gewühl von Tönen untereinander - das war keine
Sprache menschlicher Empfindung, menschlicher Leidenschaft. Ausweichungen in
entfernte Tonarten, durch Verwandlungen von # in b, die nur dazu dienen konnten,
die Ohren für den feinen Unterschied zwischen Dis und Es, Cis und Des usf.
stumpf zu machen und Verhältnisse unter Harmonien zu finden, die nichts
miteinander gemein haben; ungeheuer schwere Passagen und Fingerkunststückchen,
die lustiger anzusehen als ihre Wirkungen reizend zu hören waren. Mit dem allem
aber hatte der Mann sich doch einen gewissen Namen gemacht, und man würde meiner
gespottet haben, wenn ich ihn nicht angenommen hätte.
    Der zweite Tonkünstler, den ich für die Kapelle meines gnädigsten Königs
anwarb, war ein Violinist, der eine bewunderungswürdige Fertigkeit in seiner
linken Hand hatte. Er fuhr damit jeden Augenblick bis an den Steg hinauf; ich
kann nicht sagen, dass er immer ganz rein intoniert hätte; allein das bemerkt man
auch bei diesen schnellen Spässen und Sprüngen nicht, und empfinden konnte
