 jedes verständigen Mannes unwert ist? Und dies platte
Sinngedicht! Ist ein Einfall, dessen sich ein Knabe von einigen Anlagen schämen
sollte, wert, in der erhabenen Sprache der Begeisterung vorgetragen zu werden?
Und diese Kleinigkeit von dem edelen Gleim! Kann der würdige Sänger der
Kriegslieder sich, aus Gefälligkeit gegen ein entnervtes Publikum, zu solchen
wässrichten Spielereien herablassen? Lieset denn niemand mehr unsre alten Lehrer,
Hagedorn, Gerstenberg, Lessing, Kleist, Utz, Gellert, Ramler, Wieland, Klopstock
und andre, um zu lernen, was Versbau, Wohlklang, Erhabenheit heißt? Und was
sagen unsre Kritiker dazu?« Als ich der Kritiker Erwähnung tat, sah ich, wie
ein paar von den Buchhändlern schelmisch einander anlächelten. Ich bat sie, mich
zurechtzuweisen, wenn ich etwas Albernes sollte gesagt haben. »Nein!« antwortete
der eine, der ein stattlicher Mann aus Hamburg war, »Sie würden vollkommen recht
haben, von der Kritik zu verlangen, dass sie Schriftsteller und Dichter vor
Vernachlässigung weiser Regeln warnte, wenn unsre Kunstrichter bekannte Männer
von Kenntnissen und Ruf wären. Wenn aber jeder unbärtige Knabe, der ein wenig
Lectur hat, sich mit einer Gesellschaft von Halbgelehrten seinesgleichen
vereinigt und dann hinter der Maske der Anonymität die Werke der größten Männer
von entschiednem Rufe mit Machtsprüchen für lose Ware erklärt, seiner
unbedeutenden Freunde unreife Geburten hingegen als Meisterstücke ausposaunt;
oder wenn ein elender Zeitungsschreiber seinen interessanten Nachrichten von den
geschmacklosen Festen, welche die Fürsten und Gesandten gegeben haben, von
Universalarzeneien und von Kuriern, deren Depeschen noch niemand gelesen hat,
größeren Gewinstes wegen, auch einen sogenannten gelehrten Artikel anhängt, das
heißt ein leeres Blatt, bestimmt, um darauf gegen gute Bezahlung die
Lobeserhebungen abzudrucken, welche wir Verleger oder die Schriftsteller selbst
von ihren eignen Büchern ihnen einschicken; oder wenn ein Dutzend junger Leute,
unter der Firma eines Mannes von einigem Rufe in der gelehrten Welt, in einem
kritischen Journale, statt unparteiisch die herauskommenden Werke nach dem
innern Gehalte zu beurteilen, den darin herrschenden bestimmten Begriffen
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die schwankenden hingegen zu widerlegen,
wenn sie, sage ich, statt dessen die Lieblingsmeinungen ihres Anführers
allgemein zu machen suchen und jedes Buch tadeln müssen, in welchem gegenteilige
Sätze vorgetragen werden; oder wenn nun gar, unter dem Namen von gelehrter
Kritik, der persönliche Charakter der Schriftsteller hämischerweise angegriffen
wird; wenn man ehrliche, harmlose Leute dem Publico verdächtig zu machen sucht,
Szenen aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angehen, auf die gehässigste
Art hervorzieht, um dem Manne, dessen literarische Verdienste man vielleicht
beneidet, die öffentliche Achtung zu rauben, von welcher sein bürgerliches Glück
abhängt - sagen Sie mir, mein Herr, ob dann noch die Kritik bei uns in Ansehen
