 Worten erriet, in seiner gegenwärtigen traurigen Lage,
meine Nebenbuhlerinnen in ihrer wahren Gestalt kennen gelernt hatte; dass er
vielleicht jetzt von ihnen so schimpflich war verlassen worden, als sie verdient
hätten, von ihm verlassen zu werden? - Der Himmel verzeihe mir diese
Schadenfreude, welche auf den höchsten Gipfel stieg, als meine Mutmaßungen des
andern Tages durch die Relation der Madam Haller bestättiget wurden. - Weis der
Himmel, woher die Frau alles erfuhr. Sie konnte mir diese für mich so
trostvollen Szenen so lebhaft mahlen, als ob sie selbst dabei zugegen gewesen
wäre. - Ich bewundere ihre Talente hinter alles zu kommen, die wirklich einem
Pariser Polizei-Lieutenant Ehre gemacht haben würden, aber die Rolle bei einer
von meinen Töchtern zu spielen, die sie in diesem Stück bei mir übernahm, würde
ich mich nie verstehen; es gehört große Klugheit dazu, gewisse Dinge zu wissen
und sich gut dabei zu verhalten; Unwissenheit ist in dergleichen Fällen
tausendmal besser, als die genaueste Kenntnis.
 
                                Zehentes Kapitel
          Die alte Frau wird doch ganz zum Kinde mit ihrem Sohn Samuel
Nichts hielt uns nunmehr ab, an den Ort zu eilen, an welchem mir so manche neue
unerwartete Auftritte bevorstanden. - Das was mich vorher mit den grausamsten
Besorgnissen erfüllte, die geringe Entfernung des Orts, wohin wir gedachten, von
demjenigen, den wir verließen, ward jetzt, da ich den Umgang mit meinen
Nebenbuhlerinnen gänzlich aufgehoben wusste, der Grund meiner lebhaftesten
Freude. Hätte ich ohne diesen Umstand meinen guten Vater so oft sehen können,
der sich nicht von seinem Paradiese, wie er es nannte, trennen wollte, und den
zu besuchen, oder Besuche von ihm zu erhalten nun eine so leichte Sache war.
    Mit frohen Herzen kamen wir zu Hohenweiler an. Wir fanden eine kleine artige
Stadt in einer herrlichen Gegend, die Leute hatten einen gewissen treuherzigen
Ton, der mir gefiel, man schien wenig auf Eitelkeit und Flitterstaat zu halten,
und die Notwendigkeiten des Lebens kaufte man in einem so geringen Preisse, dass
ich heimlich über die großen Ersparnisse, die wir hier bei einem ganz guten
Einkommen machen würden, jauchzte. Meine Tante, der ich meine Plane vorlegte,
lachte, und nannte mich geizig; die liebe Frau, sie wusste nicht wie schlecht es
mit unserm Vermögen stand! doch ich will nicht klagen; hatten wir nicht genug
für uns und unsere Kinder, und die Armen, deren es hier wie überall gab?
    Mein Mann schien sich ganz gut in ein Leben ohne Überfluss und Mangel zu
schicken. Seine Arbeiten würzten ihm die kleinen wohlfeilen Freuden, die wir uns
gewähren konnten, und ich habe ihn in den damaligen Zeiten oft beteuren hören,
dass er bei unsern Erndten- und Kirchweihfesten, und
