 den ersten Anblick verdächtig und gefährlicher
für ihre Ehre als ihre männlichen Bekanntschaften vorkam. Ein wenig mehr
Kenntnis von der Welt in welcher sie gegenwärtig lebte, hatten Jucunden gelehrt,
den letztern mit Behutsamkeit zu begegnen, und sie, wenn ihr auch ihre Eitelkeit
nicht erlaubte, dies kleine Gefolge ganz abzudanken, doch allemal in einer
gewissen Entfernung zu halten; Mamsell Ralph hingegen, war ihre beständige
Gesellschaft, ihre Begleiterin auf allen ihren Gängen, oft auch ihre
Schlafgesellin, wie es schien, die Vertraute aller ihrer Geheimnisse, und ihr
offenbar lieber als ihre Schwester. Dass die Liebe zwischen meinen Schwestern
seit einiger Zeit in merkliche Abnahme geriet, war so sehr nicht zu verwundern;
Amalie neidete Jucunden um ihre körperliche Vorzüge und den Beifall den sie
fand, und diese sah es ungern, dass ihre Schwester besser Glück in Erlernung
verschiedener Dinge hatte, da sie doch nur Fleiß hätte brauchen dürfen es jener
zuvor zu tun. Herr Feldner war eine andere Ursach ihres gegenseitigen
Misvergnügens; seit der Zeit, dass sich Jucundens Anbeter vermehrt hatten, war er
zu ihrer Schwester übergangen, und Jucunde wollte keinen einigen von ihren
Verehrern missen, sie wollte das, was ihren Eroberungen am Gehalt fehlte,
wenigstens durch die Menge ersetzen. - Diese Dinge gaben Gelegenheit zu
unendlichen Zwistigkeiten zwischen den beiden Schwestern, Mademoiselle Ralph
schürte das Feuer der Zwietracht zu, und Mademoiselle Robignac spielte hiebei,
so wie bei allen andern Auftritten eine müßige Zuschauerinn. Sie hatte ihre
kleine Spiel und Schwatzgesellschaften mit der Hauswirtinn, welche ihr alle
Zeit zur Aufmerksamkeit auf ihre Untergebenen benahm, und überdies war Jucunde
auch nicht undankbar gegen die Gefälligkeit ihrer Aufseherinn, ihre Neigung zur
Freigebigkeit hatte sie auch jetzt nicht verlassen.
    Da ich jetzt anfing mehr und länger zu Hause zu sein, als bisher, so hielt
man es für gut, mir Demoiselle Ralph ordentlich vorzustellen. Sie war ein
Mädchen, deren Gesicht, vermittelst der Schminke ein sehr jugendliches Ansehen
hatte, welches mit ihrer übrigen Gestalt, die ganz das Gegenteil von dem
schlanken Wuchs einer jugendlichem Nympfe war, seltsam kontrastirte. Ihr Anzug
war äußerst leicht und ungezwungen, und man würde es vielleicht gewagt haben,
ihn lüderlich zu nennen, wenn die niedergeschlagenen Augen der Person die ihn
trug, ihre sanfte lispelnde kaum hörbare Stimme, und der unschuldige Ton der
Unerfahrenheit und Neuheit, den sie in alles zu bringen wusste, was sie sagte,
nicht gemacht hätte, dass man sich der Sünde fürchtete, eine solche Madonne eines
Mangels an Sittsamkeit zu beschuldigen.
    Mich blendeten indessen diese Dinge nicht, ich konnte in ihr die ausgelernte
Buhlschwester, von der niedrigsten Gattung nicht verkennen. Meine Erwiderung
ihrer Höflichkeit war sehr kalt, und ich fragte Jucunden in ihrer Gegenwart, wo
sie diese Person kennen gelernt
