 dadurch die Einkünften hinlänglich genug, alle Mädchen nach ihrem Stande
zu nähren, zu kleiden und zu beschäftigen. - Die Mädchen müssten nach Maassgabe
ihrer Aufführung Freiheit genießen. - Den vernünftigen Aufseherinnen stünde es
dann zu, die Mädchen zu untersuchen, ob mit Sanftmut, oder mit Gewalt mehr
auszurichten wäre? Die, welche Troz aller Ermahnungen die Stimme der Ehre
überhörten, müssten dann einer schärfern Züchtigung übergeben werden. - Fremde
und Einheimische könnten in einem solchen Hause zu einer Besserung ihres
Schiksals gelangen. O, meine Besste! - Welch eine Wonne wäre es für uns, wenn
diese unsere gute Meinung in die Hände eines Menschenfreundes fielen, und irgend
einem Großen der Erde zum Wohl der Menschheit übergeben würden. Lebe wohl, meine
Liebe! - -
                                                                    Deine Fanny.
 
                                 XXXVII. Brief
                                    An Fanny
Wenn ich Dich so lange Zeit auf einen Brief warten lies, so schreibe diese
Nachlässigkeit nicht auf Rechnung meines Herzens. Die vielen Modearbeiten gaben
mir und meiner Freundin so viel zu tun, dass ich mein Lieblingsgeschäft, Dir zu
schreiben, hintansetzen musste. Ich habe seither im Puz wakker arbeiten gelernt,
und Frau Mama lies mich zur Belohnung meines Fleißes öfters das hiesige
Schauspielhaus besuchen. Da sah ich allerhand Zeugs und besonders mehr schlechte
als gute Stükke. - Meine Kenntnisse in diesem Fache fangen nun an sich zu
entwikkeln, weil ich jede Vorstellung in Gesellschaft von Kennern mitansehe und
beobachte. Da wird denn nun vieles über diese Kunst gesprochen und kritisirt,
bei welcher Gelegenheit ich mir immer das Wichtigste merke. Das Schauspiel ist
mir nun nicht mehr so neu, als da ich es zum erstenmale besuchte, und eben darum
sind jetzt meine Urteile mit kälterm Blute abgefasst und wie mir dabei dünkt,
richtiger, als zu Anfang, wo meine lebhafte Einbildungskraft alles gierig
verschlang, was ich vorher noch nicht gesehen hatte. Der Direktor der
Gesellschaft ist Herr Sch***, ein schöner junger Mann; Schade nur, dass seine
Gesundheit durch ein unregelmässiges Leben auf der Neige steht. - Eine gewisse
M*** spielt die Rolle einer Liebhaberin auf der Bühne mit viel treuer
Schwärmerei; wenn sie nur außer der Bühne nicht das Gegenteil behauptete! - Des
Direktors Weibchen ist ein lebhaftes, feuriges Ding, handelt aber wie die
meisten Schauspielerinnen, denen es an Erziehung fehlt, ohne Grundsäzze, bloß
sinnlich. - Mangelt es bei solchen herumreisenden Gesellschaften dem Haupte
davon an guten Sitten, so weis man, was sich von den Übrigen denken lässt.
Während der Zeit, dass diese Schauspielergesellschaft sich hier aufhielt, fielen
unter ihnen einige merkwürdige Auftritte vor, die dem Zuschauer jede Moral, die
aus dergleichen Leute Munde kommt, unwahrscheinlich machen muss. So feurigen Hang
ich in mir fühle, mich einstens dieser Kunst widmen zu können, so
